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KI-Boom eröffnet Polen und Ungarn neue Exportchancen
Mitteleuropa · 21.07.2026

KI-Boom eröffnet Polen und Ungarn neue Exportchancen

Der Ausbau der KI-Infrastruktur schafft neue Wachstumschancen für Polen und Ungarn. Weltbank und EBWE erwarten langfristige Produktivitätsgewinne.

Die mitteleuropäischen Volkswirtschaften entwickeln sich zu unerwarteten Gewinnern des globalen Booms der künstlichen Intelligenz (KI). Polen und Ungarn verzeichnen ein starkes Wachstum der Exporte im Zusammenhang mit KI-Infrastruktur, da Unternehmen ihre Lieferketten über die klassische Fertigungsindustrie hinaus ausbauen.

Obwohl die Region weder zu den führenden Produzenten hochentwickelter Halbleiter noch zu den Entwicklern der weltweit wichtigsten KI-Technologien zählt, sehen Analysten erhebliche Chancen. Die industrielle Basis, qualifizierte Arbeitskräfte und etablierte Produktionsnetzwerke könnten Polen und Ungarn einen größeren Anteil am wachsenden Markt für Server, Elektronik und weitere KI-bezogene Hardware sichern.

Die Europäische Bank für Wiederaufbau und Entwicklung (EBWE) erklärte in ihrem Bericht „Regionale Wirtschaftsaussichten 2026“, dass die Exporte von KI-bezogenen Produkten deutlich schneller wachsen als andere Warengruppen. Dadurch werde das Wirtschaftswachstum gestützt – insbesondere in einer Phase, in der traditionelle Industriezweige wie die Automobilproduktion unter einer schwächeren Nachfrage leiden.

„Ein Lichtblick ist, dass der KI-Boom in den Vereinigten Staaten eine starke Nachfrage nach Gütern erzeugt, die mit KI-bezogenen Aktivitäten in Verbindung stehen, darunter Prozessoren, optische Geräte, Kommunikationstechnologie und Computerhardware“, sagte EBWE-Chefökonomin Beata Javorcik gegenüber IntelliNews.

Laut dem Bericht stiegen die Exporte KI-bezogener Produkte aus Ungarn im Jahr 2025 um 42% gegenüber dem Vorjahr, während Polen ein Wachstum von 21% verzeichnete. Zum Vergleich: Chinas Exporte entsprechender Produkte legten im gleichen Zeitraum um 19% zu.

Die EBWE führt diese Entwicklung unter anderem auf die veränderten globalen Handelsströme infolge höherer US-Einfuhrzölle zurück. Davon profitierten insbesondere Produkte für Rechenzentren und KI-Lieferketten.

Ungarn profitiert vom KI-Fertigungsboom

Besonders deutlich zeigt sich dieser Wandel in Ungarn. Zwar bleibt die Automobilindustrie der wichtigste Industriezweig des Landes, doch die jüngsten Exportzuwächse werden zunehmend von der Produktion von Elektronik und KI-Servern getragen.

Nach Angaben des ungarischen Wirtschaftsportals Portfolio.hu stieg die Produktion von Computern, Elektronik und optischen Geräten im Mai um 43%. Ausschlaggebend war vor allem die steigende Nachfrage nach Servern für KI-Anwendungen.

Ein zentraler Akteur ist Cloud Network Technology, eine Tochtergesellschaft des taiwanesischen Konzerns Foxconn. Das Unternehmen produziert in Komárom Serversysteme für KI-Infrastruktur und Cloud-Computing und gehört inzwischen zu den größten Exporteuren Ungarns. 2025 erzielte das Unternehmen einen Umsatz von 2,6 Billionen Forint (7,2 Milliarden Euro) und war damit nach MOL und MVM das drittgrößte Unternehmen des Landes.

Foxconn kündigte zudem an, die Belegschaft am Standort nach der Einstellung von mehr als 900 Mitarbeitern im Jahr 2025 auf über 2.000 Beschäftigte auszubauen.

Die Expansion ist Teil einer breiteren Strategie internationaler Technologiekonzerne, Produktionskapazitäten näher an europäische Kunden zu verlagern und gleichzeitig die Abhängigkeit von asiatischen Lieferketten zu reduzieren. Die ungarische Regierung unterstützt diese Entwicklung mit Investitionsanreizen und dem Ausbau der industriellen Infrastruktur.

Die positiven Effekte zeigen sich bereits in den Wirtschaftsdaten. Zwar sank die ungarische Industrieproduktion im Mai im Jahresvergleich um 0,4%, arbeitstagsbereinigt legte sie jedoch um 5,4% zu. Die Auftragseingänge im verarbeitenden Gewerbe stiegen sogar um 13,6%, während der Auftragsbestand um 41% über dem Vorjahresniveau lag.

Polen setzt auf Produktivitätsgewinne

Polen könnte langfristig sogar stärker vom KI-Boom profitieren. Nach Einschätzung der Weltbank liegen die größten Potenziale nicht allein im Export, sondern vor allem in höheren Produktivitätsgewinnen der gesamten Volkswirtschaft.

In einem im Juni veröffentlichten Bericht schätzt die Weltbank, dass künstliche Intelligenz das reale Bruttoinlandsprodukt Polens bis 2035 je nach Geschwindigkeit der Einführung um 1,3 bis 12,1% steigern könnte.

„Polen ist gut aufgestellt, um KI als Quelle für Produktivität, bessere Arbeitsplätze und Wirtschaftswachstum zu nutzen“, sagte Ary Naïm, Länderdirektor der Weltbank für Polen.

Derzeit nutzen allerdings erst rund 8% der polnischen Unternehmen KI-Technologien. Die Weltbank betont daher, dass der wirtschaftliche Erfolg weniger vom Zugang zur Technologie als von ihrer erfolgreichen Integration in betriebliche Prozesse abhängen werde.

Besonders der große Unternehmensdienstleistungssektor dürfte sich verändern. Routineaufgaben könnten zunehmend automatisiert werden, während qualifizierte Tätigkeiten an Bedeutung gewinnen. Umschulungsprogramme und Investitionen in digitale Kompetenzen seien deshalb entscheidend.

Infrastruktur entscheidet über den Erfolg

Auch BNP Paribas Economic Research sieht Mitteleuropa gut positioniert, um vom KI-Boom zu profitieren. Zwar verfüge die Region nicht über bedeutende Halbleiterproduktionen, wohl aber über gut ausgebildete Fachkräfte und eine leistungsfähige industrielle Infrastruktur.

Nach Einschätzung der Analysten profitieren Länder, die sich in den globalen KI-Lieferketten etablieren, nicht nur von höheren Exporten, sondern auch von einer wachsenden strategischen Bedeutung. Weltweit dominieren zwar weiterhin asiatische Volkswirtschaften mit mehr als 85% der Halbleiterexporte und rund 65% der Exporte KI-bezogener Produkte. Dennoch eröffnen sich für europäische Elektronikstandorte neue Chancen beim Ausbau von Rechenzentren, Servern und weiterer KI-Infrastruktur.

BNP Paribas geht davon aus, dass der wirtschaftliche Nutzen zunächst vor allem durch Investitionen in Infrastruktur entsteht. Die eigentlichen Produktivitätsgewinne dürften erst mit einer breiteren Einführung der Technologie folgen.

Für Polen und Ungarn besteht die zentrale Herausforderung darin, die aktuellen Exporterfolge in dauerhaftes Wirtschaftswachstum umzuwandeln. Dazu seien Investitionen in digitale Infrastruktur, Bildung und Fachkräfte ebenso notwendig wie der Ausbau höherwertiger Industrieproduktion.

Trotz eines insgesamt schwierigen wirtschaftlichen Umfelds sieht die EBWE in den expandierenden KI-Lieferketten einen wichtigen Wachstumsmotor für Mitteleuropa. Für Volkswirtschaften, die traditionell stark von der Automobilindustrie abhängig sind, eröffnet der KI-Boom damit neue Export- und Entwicklungsperspektiven.

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