← Startseite
Home/ Russland/ China flutet russischen Reifenmarkt
China flutet russischen Reifenmarkt
Russland · 19.10.2026

China flutet russischen Reifenmarkt


Seit einigen Jahren flutet China nicht nur den russischen Auto- sondern auch den Reifenmarkt. Der chinesischen Zollbehörde zufolge exportierte China vergangenes Jahr Reifen im Wert von 510,15 Mio. US-Dollar nach Russland – dies ist mehr als ein dreifacher Anstieg im Vergleich zu 2021, als noch zahlreiche ausländische Reifengiganten in Russland präsent waren. Laut dem in Russland tätigen italienischen Reifenhersteller Pirelli lag Chinas Importanteil 2025 bei mehr als 70%. Auf dem russischen Reifenmarkt sind nach Expertenschätzungen mehr als 200 chinesische Marken erhältlich, dies ist ein Drittel des Reifenmarktes. „China orientiert sich angesichts von Einfuhrzöllen und Handelsbarrieren gegen seine Waren auf anderen Exportmärkten zunehmend auf den russischen Markt um“, erklärt ein Unternehmensvertreter von Pirelli.

Gleichzeitig verzeichnen Branchenkenner sinkende Produktionszahlen in Russland selbst. Nach Angaben des Zentrums für Entwicklung aussichtsreicher Technologien (CRPT), welches das staatliche Kennzeichnungssystem für Waren „Tschesnyj Snak“ betreibt, belief sich die russische Reifenproduktion im ersten Halbjahr 2026 auf 13,2 Mio. Einheiten. Dies ist ein Rückgang von 18% gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Im vergangenen Jahr ging die Reifenproduktion um 21% auf 35,1 Mio. Einheiten zurück. 2024 wurden 44,7 Mio. Reifen gefertigt. 80% an der Gesamtproduktion 2025 entfielen auf Pkw-Reifen. Der Anteil von Lkw-Reifen lag bei 10%. Leicht-Lkw-Reifen machten 6% und Industriereifen 0,3% aus. Der Import von Pkw-Reifen ging hingegen nur um 2% auf 25,4 Mio. Einheiten zurück.

China überrollt Konkurrenz

Die chinesischen Reifenimporte gehen Hand in Hand mit der Automarktentwicklung in Russland. Nach 2022 haben chinesische Hersteller den russischen Automarkt erobert. Im Rekordjahr 2024 strömten aus China 1,03 Mio. Neu- und Gebrauchtwagen im Wert von 15,2 Mrd. US-Dollar nach Russland. Ein Drittel der importierten Fahrzeuge hätten 18-Zoll-Reifen (R18), sagt Alexej Iwanow, Eigentümer des Lkw-Vertriebszentrums Alliance Trucks. Traditionell würden aber in Russland R17-Reifen produziert. Dies führe zu einer Lücke, die durch chinesische Importe gefüllt werde, erklärt Iwanow.

Für chinesische Autoreifen sprechen außerdem erschwingliche Preise. Chinesische Reifen sind laut Branchenkennern überproportional im Billigsegment bis 25.000 Rubel (266 Euro) pro Reifenset vertreten. Allerdings können Billigreifen Grenzwerte für Karzinogene, krebserzeugende Stoffe, überschreiten, warnen Experten. Russische Käufer drückten jedoch wegen günstiger Preise ein Auge zu, sagt Iwanow. Die russische Regierung geht inzwischen gegen die Importschwemme vor. Ab 2027 soll eine höhere Umweltsteuer auf Billigreifen von damit handelnden Verkäufern erhoben werden. Dies könnte einen Teil der Reifenimporte eindämmen und die russische Reifenproduktion ankurbeln.

Produktion unter Druck

Laut Pirelli ist die Marktverschiebung hin zu Importen teils auf die Rubelaufwertung zurückzuführen, die Reifeneinfuhren günstiger machte. Russische Reifenhersteller verfügten über ausreichend Produktionskapazitäten, um die einheimische Nachfrage zu decken, erklärt ein Unternehmensvertreter von Pirelli. Doch Importe machen den Herstellern zunehmend Marktanteile streitig. Laut Pirelli liegt der Importanteil am Reifenmarkt inzwischen bei mehr als 50%, was inländische Produktionskapazitäten zu rund 45% unausgelastet lässt.

Laut dem CEO der führenden russischen Reifenholding Cordiant Wadim Wolodin fokussierten sich die russischen Importe vor 2022 zu 80% auf ausländische Premiummarken wie Michelin und Bridgestone. Früher hätten russische Betriebe 50% für den eigenen Markt und 50% für den Export produziert, erklärte Wadim Wolodin in einem Interview mit der Wirtschaftszeitung RBC. Dabei habe es immer Überkapazitäten gegeben, die jedoch durch Reifenexporte ausgeglichen worden seien. Nach Verhängung der EU-Sanktionen gegen Russland ist Europa als wichtiger Absatzmarkt weggebrochen. Heute gehen russische Autoreifen überwiegend in GUS-Länder.

Im ersten Halbjahr 2026 wurden 12,8 Mio. Reifen im Wert von 88,2 Mrd. Rubel (940,5 Mio. Euro) in Russland abgesetzt. Den meisten Umsatz (48%) generierten Sommerreifen, gefolgt von Spikereifen mit 31% (Winterreifen mit Metallstiften), Winterreifen ohne Spikes (18%) und Ganzjahresreifen (2,65%). Pirelli zufolge kostete ein Reifen 2025 im Schnitt rund 7300 Rubel, umgerechnet 78 Euro – eine Teuerung um 9% zum Vorjahr. Zu den beliebtesten Reifenmarken gehören Cordiant, Nordman, Ikon Tyres, Kama, Viatti (alles russische Marken), Yokohama (Japan), Pirelli, Formula (Italien) sowie Sailun und Triangle aus China.

Ausländische Reifenwerke seit 2022

Unter den weltweiten Reifenmarktführern betreiben die Unternehmen Pirelli und Yokohama nach wie vor Reifenwerke in Russland. Die Russlandtochter von Pirelli, an der der russische Staatskonzern Rostec mit 25% beteiligt ist, stellt in Kirow Reifen der Marke Formula her. Das japanische Yokohama betreibt eine Produktionsstätte im Gebiet Lipezk.

Neben zahlreichen ausländischen Autokonzernen verließen die meisten großen Reifenhersteller im Frühjahr 2022 den russischen Markt. Das Reifenwerk des deutschen Automobilzulieferers Continental in Kaluga wurde 2023 von der russischen Holding S8 Capital erworben und in die untergeordnete Reifenholding Cordiant integriert. S8 Capital übernahm auch das Reifenwerk des japanischen Unternehmens Bridgestone im Gebiet Uljanowsk. Cordiant gehört seit 2024 zur Severgrupp des Milliardärs Alexej Mordaschow und kommt nach eigenen Angaben auf einen Marktanteil von 27%. Das Werk stellt heute Reifen unter der Marke Gislaved her.

Das Reifenwerk der finnischen Nokian Tyres im Leningrader Gebiet ist in den Besitz des russischen Ölunternehmens Tatneft übergegangen. Heute firmiert das Werk unter dem Namen Ikon Tyres und produzierte bis 2025 Reifen unter der Marke Nordmann, die Marke wurde inzwischen in Character umbenannt. Die ehemalige Produktionsstätte des französischen Unternehmens Michelin im Moskauer Gebiet, welches 2004 als erster ausländischer Reifenhersteller seine Produktion in Russland lokalisierte, ging an das russische Vertriebsunternehmen Power International Tyres. Das Werk produziert überwiegend Reifen für chinesische Automarken.

Quellen: Kommersant 1, 2, RBC 1, 2, 3, CRPT, BusinesStat, Glawportal, Fontanka, Drive2 (alle RU)


Quelle: Deutsch-Russische Auslandshandelskammer, China flutet russischen Reifenmarkt, 16.10.2026.

Dieser Beitrag wurde für die Deutsch-Russische Auslandshandelskammer erstellt.

LinkedIn X
Mehr aus RusslandKuratierte Auswahl
Russland · 18.10.2026 Kleinerer Markt, große Gewinne: Russlands Tabakhandel vor der Lizenzpflicht
Russland · 17.10.2026 Bittere Pille: Russland verteuert Vitamine aus dem Westen
Russland · 16.10.2026 Weniger Bar, mehr Yuan: Wie Russen Geld ins Ausland bringen