Zwischen politischer Rhetorik und wirtschaftlicher Realität klafft eine Lücke: Turkmenistan und China präsentieren widersprüchliche Zahlen zu den gemeinsamen Gasgeschäften. Das wirft Fragen zur tatsächlichen Dynamik der Energiepartnerschaft auf.
In einem Interview mit dem staatlichen chinesischen Sender CGTN betonte Turkmenistans Staatschef Gurbanguly Berdimuhamedow Ende März die „jahrhundertealten Beziehungen“ zwischen beiden Ländern. Gleichzeitig nannte er konkrete Zahlen: Demnach exportiere Turkmenistan jährlich rund 40 Milliarden Kubikmeter Erdgas nach China. Perspektivisch sei sogar ein Anstieg auf 65 Milliarden Kubikmeter geplant.
Doch diese Darstellung steht im Widerspruch zu Angaben aus Peking. Der chinesische Botschafter in Aschgabat, Ji Shumin, erklärte wenige Tage später, dass die Exporte im Jahr 2025 lediglich bei rund 30 Milliarden Kubikmetern liegen dürften – ohne kurzfristige Steigerung.
Pipeline als Engpass
Der Grund für die Diskrepanz liegt offenbar in der Infrastruktur. Eine Ausweitung der Liefermengen wäre nur mit der geplanten Pipeline „Linie D“ möglich. Das Projekt wurde zwar bereits 2014 gestartet, ist jedoch seit Jahren von Verzögerungen und Streitigkeiten geprägt. Aktuell gibt es keine klaren Hinweise darauf, dass die Bauarbeiten zeitnah wieder aufgenommen werden.
Die bestehenden Leitungen A, B und C verfügen zwar über eine Gesamtkapazität von rund 55 Milliarden Kubikmetern pro Jahr. Die Aussagen aus China deuten jedoch darauf hin, dass selbst diese Kapazitäten derzeit nicht vollständig genutzt werden.
Für Turkmenistan ist der Energiesektor von zentraler Bedeutung: Der Großteil des bilateralen Handels mit China entfällt auf Gasexporte. Das Land gehört zudem zu den wenigen Staaten in Zentralasien mit einem Handelsüberschuss gegenüber der Volksrepublik.
Abhängigkeit wächst – Perspektiven bleiben unklar
Die widersprüchlichen Zahlen unterstreichen ein grundlegendes Problem: Turkmenistan ist stark vom chinesischen Markt abhängig, während China seine Energiebeziehungen strategisch diversifiziert.
Parallel dazu intensiviert Peking seine wirtschaftliche Präsenz in der Region. In Kasachstan baut ein chinesisches Unternehmen die Förderung von Wolfram aus, während Energie- und Rohstoffprojekte zunehmend auf chinesische Abnehmer ausgerichtet sind. Auch im Ölsektor wird über eine Ausweitung des Transits nach China verhandelt.
In Kirgisistan bemüht sich die Regierung um besseren Zugang zum chinesischen Lebensmittelmarkt, stößt jedoch weiterhin auf regulatorische Hürden. Gleichzeitig wächst die wirtschaftliche Zusammenarbeit in Bereichen wie Infrastruktur und Katastrophenschutz.
Usbekistan wiederum profitiert von einem starken Anstieg chinesischer Touristen, während chinesische Unternehmen im E-Commerce weiterhin mit regulatorischen Schwierigkeiten konfrontiert sind.
Die Entwicklungen zeigen: China baut seine wirtschaftliche Rolle in Zentralasien weiter aus – doch im Energiesektor bleiben zentrale Projekte und Versprechen hinter den Erwartungen zurück.
