Freedom Holding positioniert sich neu – und greift die etablierten Digitalgiganten in Kasachstan frontal an. Aus dem einstigen Brokerhaus ist ein breit aufgestelltes Fintech-Unternehmen geworden, das mit einer eigenen Super-App ein umfassendes digitales Ökosystem aufbaut.
Die mobile Plattform soll weit mehr leisten als klassische Bankdienstleistungen. Sie bündelt Finanzservices, E-Commerce, Reisen und Alltagsfunktionen in einer einzigen Anwendung. Ziel ist es, Nutzer langfristig an die Plattform zu binden und sich als zentraler digitaler Zugangspunkt im Alltag zu etablieren.
Heute zählt die App rund 5,2 Millionen Nutzer – mehr als ein Viertel der Bevölkerung Kasachstans. Insgesamt umfasst das Ökosystem der Gruppe über 11 Millionen Kunden aus den Bereichen Brokerage, Bankwesen und Versicherung.
Rasantes Wachstum und klare Konkurrenzstrategie
Das Wachstum verlief außergewöhnlich schnell. Nach dem Start im April 2024 erreichte die App bis Ende des Jahres zunächst 500.000 Nutzer. Bereits im Januar 2025 lag die Zahl bei 1,4 Millionen. Innerhalb der folgenden Monate kamen weitere Millionen hinzu, sodass die Plattform im April 2026 die Marke von 5,2 Millionen Nutzern überschritt.
Mit diesem Tempo rückt Freedom Holding einem dominierenden Marktteilnehmer näher: Kaspi, dem führenden Zahlungsdienstleister des Landes. Während Kaspi lange Zeit rund 85 Prozent des Marktes kontrollierte, sieht Freedom inzwischen einen eigenen Anteil von etwa 15 Prozent – zulasten des etablierten Konkurrenten.
Firmenchef Timur Turlov betont, dass Wettbewerb auch in stark konzentrierten Märkten möglich sei. Entscheidend sei nicht eine einzelne Funktion, sondern die Kombination vieler Angebote in einer integrierten Plattform.
Kundenbindung durch Beteiligung
Ein zentrales Element der Strategie ist ein ungewöhnliches Bonusprogramm. Cashback wird nicht einfach ausgezahlt, sondern automatisch in Bruchteile von Aktien der Freedom Holding umgewandelt. Das Unternehmen bezeichnet dieses Modell als „Freedom Currency“.
Damit verfolgt Freedom einen doppelten Ansatz: Nutzer sollen nicht nur Kunden bleiben, sondern sich zugleich als Anteilseigner mit dem Unternehmen identifizieren. Die wirtschaftliche Entwicklung der Plattform wird so direkt mit den Interessen der Nutzer verknüpft.
Parallel baut das Unternehmen zusätzliche Geschäftsfelder aus. Besonders dynamisch entwickelt sich der Reisebereich. Freedom gibt an, seinen Anteil am kasachischen Inlandsflugmarkt deutlich gesteigert zu haben. Technologisch setzt die Plattform auf direkte Schnittstellen zu Fluggesellschaften und eigene Lösungen zur Routenplanung.
Vom Finanzdienstleister zur digitalen Infrastruktur
Freedom versteht seine Super-App nicht als reines Transaktionswerkzeug, sondern als umfassende Plattform für den Alltag. Neben klassischen Finanzdiensten integriert das Unternehmen zunehmend Bereiche wie Versicherungen, Ticketing und digitale Dienstleistungen.
Langfristig sollen auch Bildung, Gesundheitsangebote und urbane Services eingebunden werden. Damit verschiebt sich die Rolle der App: weg vom einzelnen Produkt hin zu einer Art digitaler Infrastruktur, die verschiedene Lebensbereiche miteinander verbindet.
Nach Einschätzung des Managements liegt der entscheidende Wettbewerbsvorteil nicht in einzelnen Funktionen, sondern in der Tiefe der Integration und der Fähigkeit, Nutzer dauerhaft einzubinden.
Künstliche Intelligenz als nächste Ausbaustufe
Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf der Integration von KI-Funktionen. Im Zentrum steht ein sprachbasierter Assistent, der zahlreiche Aufgaben übernehmen kann – von Überweisungen bis hin zur Verwaltung von Konten und Rechnungen.
Der Assistent unterstützt Befehle in Kasachisch und Russisch und soll die Bedienung der App vereinfachen. Erste Nutzungsdaten zeigen, dass vor allem Basisfunktionen wie Geldtransfers und Kontostandsabfragen stark nachgefragt werden.
Auch für Unternehmen erweitert Freedom das Angebot. Über eine separate Plattform erhalten kleine und mittlere Betriebe Zugang zu Automatisierungstools und KI-Anwendungen. Damit entwickelt sich die App zunehmend zu einem Werkzeug für Geschäftsprozesse und nicht nur für private Nutzer.
Expansion über Kasachstan hinaus
Kasachstan dient dem Unternehmen als Testmarkt für sein Modell. Die vergleichsweise junge und digital affine Bevölkerung sowie staatliche Digitalisierungsinitiativen bieten günstige Voraussetzungen für solche Plattformen.
Freedom plant nun die Expansion in weitere Märkte. Erste Schritte erfolgen in Tadschikistan, weitere Länder wie Georgien und die Türkei stehen auf der Agenda. Auch eine Ausweitung nach Europa wird geprüft.
Dabei setzt das Unternehmen bewusst auf ein fertiges, bereits erprobtes System – nicht auf ein klassisches Start-up-Modell. Alle Dienstleistungen sollen unter einer einheitlichen Marke gebündelt werden.
Ob sich das Konzept international durchsetzen kann, bleibt offen. Klar ist jedoch: Freedom Holding hat sich in kurzer Zeit vom spezialisierten Broker zu einem breit aufgestellten digitalen Plattformanbieter entwickelt – und fordert damit die etablierten Marktführer in seiner Heimat heraus.
