Freedom Holding hat in wenigen Jahren einen bemerkenswerten Wandel vollzogen. Als das Unternehmen 2019 an die Nasdaq ging, war es vor allem als kasachisches Brokerhaus bekannt – als erstes des Landes mit einer US-Börsennotierung. Heute präsentiert sich Freedom als Fintech-Plattform mit einer Marktkapitalisierung von 9,6 Milliarden US-Dollar und Standorten in Zentralasien, Europa, den USA und dem Nahen Osten. Die Übernahme einer türkischen Bank, laufende Gespräche mit Aufsichtsbehörden in Georgien und Europa sowie die offen formulierten globalen Ambitionen von CEO Timur Turlov zeigen, dass aus Expansionsplänen zunehmend konkrete Schritte werden.
Auch die Geschäftszahlen unterstreichen diese Entwicklung. Seit dem Börsengang hat sich der Aktienkurs mehr als verzehnfacht und allein in diesem Jahr um mehr als 20 Prozent auf 157,27 US-Dollar erhöht. Im Quartal bis zum 31. Dezember erzielte der Konzern einen Umsatz von 628,6 Millionen US-Dollar. In den ersten neun Monaten summierten sich die Erlöse damit auf 1,69 Milliarden US-Dollar, während der Nettogewinn 76,2 Millionen US-Dollar erreichte. Das Gesamtvermögen stieg um 25 Prozent auf 12,38 Milliarden US-Dollar, das Eigenkapital lag bei mehr als 1,3 Milliarden US-Dollar. Im Aktionariat finden sich Namen wie BlackRock, Morgan Stanley und JPMorgan. S&P Global Ratings bewertet das Unternehmen mit B- und stabilem Ausblick.
Kasachstan bleibt der Heimatmarkt. Doch die finanzielle Stärke und das technologische Modell richtet Freedom inzwischen klar auf internationale Expansion aus.
Vom Broker zum digitalen Ökosystem
Die Grundlage für diesen Aufstieg liegt in Kasachstan. Dort hat Freedom in kurzer Zeit ein digitales Ökosystem aufgebaut, das über das klassische Brokerage-Geschäft weit hinausgeht. Vor zwei Jahren zählte die Super-App des Konzerns rund eine halbe Million Nutzer. Heute sind es 5,2 Millionen – mehr als ein Viertel der gesamten Bevölkerung des Landes. Insgesamt umfasst das Ökosystem mittlerweile über 11 Millionen Kunden.
Die App ist der zentrale Wachstumsmotor. Sie wurde im April 2024 eingeführt und gehört inzwischen zu den meistgeladenen Anwendungen in Kasachstan. In einer einzigen Benutzeroberfläche bündelt sie Bankdienstleistungen, Investments, Reisen, Ticketkäufe und Treueprogramme. Für Freedom ist sie längst mehr als ein Produkt – sie ist der wichtigste Vertriebskanal für das gesamte integrierte Finanzangebot.
Besonders markant ist das Bonusprogramm der Plattform. Cashback wird automatisch in Bruchteile von Aktien der Freedom Holding umgewandelt. So werden Kunden direkt am Unternehmen beteiligt. Für Turlov ist das mehr als ein Marketinginstrument. Er beschreibt es als eine Form geteilter Wertschöpfung: Wenn das Unternehmen wächst, steigt auch der Wert der Beteiligung seiner Nutzer.
Auch in anderen Bereichen wächst Freedom schnell. Im Reisegeschäft konnte die Gruppe ihren Marktanteil bei Inlandsflügen in weniger als zwei Jahren von etwa 10 Prozent auf 25 bis 30 Prozent steigern.
Dieses Wachstum gelang trotz der dominanten Marktstellung von Kaspi, dem führenden Zahlungsdienstleister Kasachstans. Freedom konnte nach eigenen Angaben innerhalb eines Jahres rund 15 Prozent Marktanteil gewinnen. Für Turlov ist das der Beweis, dass sich auch in einem stark konzentrierten Markt neue Wettbewerber durchsetzen können, wenn sie ein überzeugendes Ökosystem aufbauen.
Der Ausbau kostet allerdings Kapital. Die Personalkosten stiegen im Jahresvergleich um 43,4 Prozent auf 42,3 Milliarden Tenge. Dahinter stehen Neueinstellungen, hohe Technologieinvestitionen und der Aufbau zusätzlicher Kapazitäten. Freedom arbeitet inzwischen mit Nvidia und OpenAI zusammen und betreibt in Zypern ein Entwicklungszentrum mit 500 Mitarbeitern, das die digitale Infrastruktur des Konzerns weiter ausbauen soll. Weitere Übernahmen sind geplant, auch wenn das Unternehmen dazu noch keine Details nennt.
Zentralasien als Testfeld
Kasachstan bleibt das Zentrum des Geschäfts, doch Freedom überträgt sein Modell inzwischen schrittweise auf andere Märkte der Region. Das deutlichste Beispiel ist Tadschikistan. Dort erhielt die Gruppe im Herbst 2024 eine Banklizenz und brachte innerhalb eines Jahres nach eigener Darstellung die erste vollständig digitale Bank des Landes an den Start. Freedom bietet dort inzwischen Kreditkarten, Hypotheken und weitere Verbraucherdienstleistungen über sein Super-App-Modell an.
Auch in anderen Ländern Zentralasiens baut das Unternehmen seine Präsenz aus. In Kirgisistan eröffnete Freedom eine Brokerfirma in Bischkek. In Usbekistan gehört die Gruppe bereits zu den größeren Anbietern im Privatkundengeschäft mit Wertpapieren. Ob dort bald auch umfassende digitale Bankdienste folgen, wird noch geprüft.
Als nächstes richtet sich der Blick auf Georgien. Freedom bereitet nach eigenen Angaben aktiv einen Antrag auf eine Banklizenz vor. Die Nationalbank von Georgien bestätigte bereits, dass die Gruppe erhebliche Ressourcen in diesen Prozess investiert. Eine formelle Beantragung steht zwar noch aus, doch die Vorbereitungen laufen.
Die Logik hinter dieser Reihenfolge ist klar: Freedom erschließt zunächst Märkte, die kulturell, sprachlich und regulatorisch näher liegen. Dort will das Unternehmen Vertrauen aufbauen, Lizenzen erhalten und sein Modell in einem vertrauten Umfeld erproben, bevor es in komplexere Märkte geht.
Die Türkei als Brückenmarkt
Eine besondere Rolle spielt die Türkei. Für Freedom ist sie derzeit das wichtigste kurzfristige Akquisitionsziel und zugleich ein potenzieller Brückenmarkt zwischen Asien und Europa. 2025 erhielt die Gruppe dort eine vollständige Brokerlizenz. Zudem übernahm sie 99,2 Prozent an der Turkish Bank A.Ş. – ein Schritt, der in den kommenden Jahren Investitionen von bis zu 300 Millionen US-Dollar erfordern dürfte.
Wenn die Aufsichtsbehörden die vollständige Integration genehmigen, könnte Freedom in der Türkei Zahlungen, Einlagen und Handel in einem einzigen digitalen Ökosystem zusammenführen. Genau dieses Modell möchte das Unternehmen später auch in westlichen Märkten ausrollen.
Die Türkei erscheint aus Sicht des Managements zugänglicher als die EU. Freedom sieht dort mehr regulatorische Offenheit und weniger kulturelle Hürden. Zugleich liegt das Land an einer strategisch wichtigen Schnittstelle zwischen europäischen und asiatischen Kapitalströmen. Damit wird die Türkei für Freedom zu einem Brückenkopf mit regionaler und internationaler Funktion.
Europa als strategisches Kernziel
Langfristig ist Europa jedoch der wichtigste Zielmarkt. Freedom ist dort bereits mit seiner Brokerage-Plattform Freedom24 präsent und betreut nach eigenen Angaben mehr als 600.000 Kunden. Innerhalb der EU zählen Griechenland, Deutschland, Polen, Litauen und Spanien zu den wichtigsten Märkten. Das technologische Rückgrat für dieses Geschäft sitzt in Zypern, wo Freedom Finance Technologies mit mehr als 500 Entwicklern an der Infrastruktur des globalen Ökosystems arbeitet.
Freedom verfügt über eine Brokerlizenz der zyprischen CySEC, die es dem Unternehmen erlaubt, Anleger in der gesamten Europäischen Union zu bedienen. Doch das Brokerage ist aus Sicht des Managements nur der Einstieg. Das eigentliche Ziel ist eine europäische Banklizenz. Erst sie würde es Freedom ermöglichen, sein vollständiges integriertes Finanzmodell im Euroraum anzubieten – und damit direkt mit Unternehmen wie Revolut, N26 oder Trade Republic zu konkurrieren.
Turlov formuliert dieses Ziel offen. Die Expansion nach Europa und später in die USA sei für das langfristige Überleben des Unternehmens entscheidend. Der Erfolg einer Technologie hänge letztlich auch davon ab, in welchen Märkten sie präsent sei.
Dabei verfolgt Freedom einen schrittweisen Ansatz. Zunächst tritt das Unternehmen über das Brokerage in die Märkte ein. Bankdienstleistungen sollen dort erst folgen, wenn die regulatorischen Voraussetzungen geschaffen sind. Auffällig ist auch, was Freedom bewusst nicht anbietet: weder Kryptowährungen noch CFDs. Das Unternehmen präsentiert sich damit als bewusste Alternative zu riskanteren oder spekulativeren Fintech-Modellen.
Parallel dazu bereitet Freedom die nötige Infrastruktur für größere Märkte vor. Geplant ist unter anderem eine Mitgliedschaft an den Börsen in Stuttgart, Frankfurt und bei Euronext. Turlov sieht zudem eine gewisse Bewegung auf der regulatorischen Seite. Nach seiner Einschätzung zeigen sich Aufseher heute offener gegenüber neuen Anbietern als noch vor einigen Jahren.
Osteuropa als Zwischenstufe
Neben den großen Zielmärkten in Westeuropa baut Freedom schrittweise kleinere Standorte in Osteuropa auf. Noch in diesem Jahr sollen Büros in Rumänien und Tschechien eröffnet werden, die Personalsuche läuft bereits. In Bulgarien ist das Unternehmen schon präsent. Auch Lissabon wird als möglicher Standort für 2026 geprüft.
Das Muster ist dabei überall ähnlich: kleine lokale Teams für Vertrieb, Compliance und technischen Support, während die eigentlichen Dienstleistungen zentral aus Zypern erbracht werden. Osteuropa dient damit als Sprungbrett. Hier will Freedom Glaubwürdigkeit und operative Präsenz aufbauen, um später den nächsten regulatorischen Schritt zu gehen.
Wachstum mit Image-Hürde
Neben Regulierung und Kapital bleibt für Freedom noch eine weitere Herausforderung: das eigene Herkunftsimage. In westlichen Märkten ist das Wissen über Zentralasien begrenzt, und ein Unternehmen mit postsowjetischen Wurzeln muss zusätzliche Überzeugungsarbeit leisten.
Die Antwort des Konzerns ist zweigleisig. Einerseits beschleunigt Freedom die Entwicklung KI-gestützter Produkte, die in Zypern entstehen. Andererseits versucht das Unternehmen, Vertrauen über seine langjährige Nasdaq-Notierung, die Regulierung durch die CySEC und die bewusste Distanz zu Kryptowährungen und CFDs aufzubauen.
Am Ende steht für Turlov eine klare strategische Überzeugung: Im Technologiesektor sichern sich wenige große Anbieter den größten Teil des Marktes. Er sieht diesen Mechanismus nicht nur bei Suchmaschinen, sozialen Medien oder künstlicher Intelligenz, sondern künftig auch im Finanzsektor. Für Freedom geht es deshalb nicht nur um Expansion, sondern um langfristige Relevanz – und letztlich ums Überleben im globalen Wettbewerb.
Das Unternehmen, das vor sechs Jahren als Brokerhaus in New York an die Börse ging, ist heute schwerer einzuordnen als damals. Ob aus dem zentralasiatischen Marktführer ein globaler Wettbewerber wird, bleibt offen. An den Ambitionen des Managements gibt es allerdings keinen Zweifel.
