Führende Politiker aus Zentralasien und benachbarten Staaten haben davor gewarnt, dass der globale Übergang zu einer kohlenstoffarmen Wirtschaft die bestehenden Ungleichgewichte weiter verschärfen könnte, wenn er nicht gerechter gestaltet wird. Entwicklungsländer, die nur in geringem Maße zum Klimawandel beigetragen haben, seien von dessen Folgen besonders stark betroffen und dürften mit dieser Last nicht allein gelassen werden.
Beim regionalen Ökologiegipfel in Astana am 22. April betonte der kasachische Präsident Kassym-Schomart Tokajew, Klimapolitik dürfe nicht zulasten der Entwicklung gehen. Er forderte von der internationalen Gemeinschaft einen ausgewogeneren und integrativeren Ansatz.
„Die Industrienationen haben ihr heutiges Niveau durch jahrzehntelange Industrialisierung erreicht“, sagte Tokajew. „Aus meiner Sicht dürfen in Umweltfragen keine selektiven Vorgehensweisen akzeptiert werden. Der Übergang muss fair und ausgewogen sein.“
Er warnte vor politischen Ansätzen, die das Wachstum in Schwellenländern einschränken könnten. „Wir müssen den Ländern ermöglichen, sich weiterzuentwickeln, ohne ihre Entwicklungschancen zu beeinträchtigen“, sagte er. „Es darf keine Anprangerung, Beschämung oder Schuldzuweisung geben.“
Tokajew betonte zudem, dass Umweltfragen und globale Stabilität eng miteinander verknüpft seien. „Diese Bemühungen sollten dem Frieden und einer gerechten Entwicklung dienen“, sagte er. „Die Natur kann ohne Geopolitik existieren – und die Geopolitik kann nicht ohne die Natur existieren.“
Mit Blick auf Zentralasien verwies er auf die gemeinsamen Risiken der Region. „Wir teilen Flüsse, Landschaften und Klimarisiken, und vor allem tragen wir gemeinsam Verantwortung“, sagte Tokajew. Wasserknappheit, Wüstenbildung, Luftverschmutzung und der Verlust biologischer Vielfalt gehörten zu den drängendsten Problemen. „Es ist an der Zeit, Lösungen zu finden.“
Ungleiche Lasten, begrenzte Mittel
Ähnlich äußerten sich auch andere Staats- und Regierungschefs, die auf wachsende Umweltschäden in ihren Ländern verwiesen, obwohl deren Anteil an den weltweiten Emissionen vergleichsweise gering ist.
Usbekistans Präsident Schawkat Mirsijojew erklärte, der Klimawandel beschleunige sich in Zentralasien sichtbar und messbar. „Fast ein Drittel der Gletscher in der Region ist verschwunden“, sagte er. „Die Niederschlagsmuster werden immer unregelmäßiger, die Wasserknappheit nimmt zu, und die Bodendegradation betrifft inzwischen 80 Millionen Hektar.“
Zugleich kritisierte er die Kluft zwischen internationalen Ankündigungen und konkretem Handeln. „Erklärungen und Handlungsaufrufe werden nicht durch Taten untermauert“, sagte Mirsijojew. „Wieder einmal müssen die Länder, die am wenigsten zum Klimawandel beigetragen haben, die Folgen allein tragen.“
Er forderte deshalb konkrete Unterstützungsmechanismen. „Es braucht internationale Solidarität“, sagte er. „Entwicklungsländer müssen Zugang zu Klimafinanzierung und fortschrittlichen Technologien haben.“
Auch Armeniens Präsident Wahagn Chatschaturjan verwies auf die besondere Verwundbarkeit von Gebirgsstaaten. Armenien trage nur 0,02 Prozent zu den weltweiten Treibhausgasemissionen bei, spüre die Folgen der Klimaveränderung jedoch bereits deutlich. „Als Gebirgsland ist Armenien schon heute stark betroffen“, sagte er. Die Durchschnittstemperatur sei gestiegen und werde bis zur Mitte des Jahrhunderts weiter zunehmen.
Chatschaturjan berichtete von häufigeren Überschwemmungen und zunehmenden ökologischen Schäden. „Wie andere Gebirgsstaaten ist auch unser Land für den Klimawandel und die Umweltzerstörung besonders anfällig“, sagte er. Zugleich forderte er, bei internationalen Klimaschutzmaßnahmen den am stärksten gefährdeten Entwicklungsländern, insbesondere Gebirgsstaaten, Vorrang einzuräumen.
Klimawandel als wirtschaftliches Risiko
Kirgisistans Präsident Sadyr Dschaparow rückte die wirtschaftlichen Folgen des Klimawandels in den Vordergrund. „Klimabedingte Herausforderungen beeinträchtigen die wirtschaftliche Entwicklung und das Wohlergehen unserer Bevölkerung“, sagte er. Kirgisistan sei nur für 0,3 Prozent der weltweiten Emissionen verantwortlich, trage aber eine unverhältnismäßig hohe Last.
Besonders besorgniserregend sei der starke Anstieg von Naturkatastrophen. „Schlammlawinen und Überschwemmungen haben sich seit 2020 verdreifacht und verursachen jährlich Schäden von fast 16 Millionen Dollar“, sagte Dschaparow.
Zugleich warnte er vor den langfristigen Folgen des Gletscherschwunds. „Die Gletscherfläche ist um 16 Prozent zurückgegangen, und bis 2100 könnten wir bis zu 80 Prozent unserer Gletscher verlieren“, sagte er. Das hätte nicht nur für Kirgisistan, sondern für die gesamte Region gravierende Folgen.
Auch der Wasserstand des Issyk-Kul-Sees sei gesunken, während die Zahl seiner Zuflüsse stark zurückgegangen sei. Da Kirgisistans Energiesystem stark von Wasserkraft abhängt, verschärft dies die Lage zusätzlich. Dschaparow warnte, dass Untätigkeit das Bruttoinlandsprodukt des Landes bis 2040 um zwei bis drei Prozent verringern könnte.
Tadschikistans Präsident Emomali Rahmon bezeichnete Wasserknappheit als globale Herausforderung, die gemeinsames Handeln erfordere. „Wasserknappheit und Umweltzerstörung sind zu einer enormen Herausforderung geworden – nicht nur regional, sondern weltweit“, sagte er. Tadschikistan verfüge zwar über rund 60 Prozent der Wasserressourcen Zentralasiens, sei selbst aber stark vom Wandel betroffen.
„Von den rund 14.000 Gletschern sind etwa 1.400 vollständig verschwunden“, sagte Rahmon. Die fortschreitende Gletscherschmelze und der Rückgang der Schneefälle gefährdeten die Wasserverfügbarkeit in der Region. Zudem verwies er auf die starke Zunahme extremer Wetterphänomene: 2025 habe Tadschikistan mehr als 60 Staubstürme mit einer Gesamtdauer von rund sieben Monaten verzeichnet – ein Ausmaß, das es in dieser Form früher nicht gegeben habe.
Auch der mongolische Präsident Uchnaagiin Chürelsüch warnte vor erheblichen Risiken für fragile Gebirgs- und Permafrostregionen. „Unser einzigartiges, aber empfindliches Ökosystem spürt die Folgen der Veränderungen dieses Jahrhunderts bereits deutlich“, sagte er. Bis 2050 könnten die Wasserressourcen seines Landes um die Hälfte zurückgehen.
Appell an die internationale Gemeinschaft
Mehrere Redner verbanden ihre Warnungen mit dem Appell an die internationale Gemeinschaft, Verantwortung gerechter zu verteilen. Tokajew mahnte, ökologische Herausforderungen ließen sich nicht getrennt von den globalen politischen Spannungen betrachten. „Wir treffen uns in einer Zeit wachsender Unsicherheit und Unvorhersehbarkeit“, sagte er. Diese Entwicklungen beeinträchtigten Stabilität, Lebensqualität und Entwicklungsmöglichkeiten und entzögen zugleich Ressourcen, die für ökologische Aufgaben gebraucht würden.
Er sprach sich für eine stärkere internationale Steuerung aus und warnte vor selektiven Auslegungen globaler Regeln. „Die Rolle der internationalen Gemeinschaft ist von entscheidender Bedeutung“, sagte Tokajew. „Die UN-Charta muss gewahrt bleiben. Selektive Auslegungen sollten weder bei internationalen Konflikten noch in Umweltfragen akzeptiert werden.“
Zum Abschluss betonte Tokajew, Umweltpolitik müsse immer auch als Frage menschlicher Lebensgrundlagen verstanden werden. „Ökologie beschränkt sich nicht auf das Klima“, sagte er. „Es geht um saubere Luft, sicheres Wasser, gesunde Lebensmittel und stabile Ernährungssysteme. Ökologie ist eine Art, verantwortungsvoll auf unserem gemeinsamen Planeten zu leben.“
