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Kohle erlebt unerwartetes Comeback
Mitteleuropa · 29.06.2026

Kohle erlebt unerwartetes Comeback

Kohle statt Gas: Unterbrochene Energieversorgung im Nahen Osten führt weltweit zu steigender Nachfrage nach Kohle und höheren Energiepreisen.

Geopolitische Spannungen im Nahen Osten verändern die globalen Energiemärkte grundlegend. Unterbrechungen bei den Erdgaslieferungen haben weltweit zu einer überraschenden Renaissance der Kohle geführt. Während Regierungen weiterhin an ihren Klimazielen festhalten, rückt in der aktuellen Krise vor allem die Versorgungssicherheit in den Vordergrund.

Nach Einschätzung der Weltbank zeigen die jüngsten Entwicklungen, dass Kohle trotz milliardenschwerer Investitionen in erneuerbare Energien weiterhin eine unverzichtbare Reserve im globalen Energiesystem bleibt.

Energiekrise treibt Kohlenachfrage

Laut einer Analyse der Weltbank-Ökonomen Paolo Agnolucci und Nikita Makarenko sorgten die Unterbrechungen der Erdgaslieferungen aus der Golfregion für einen deutlichen Anstieg sowohl der Kohlepreise als auch der weltweiten Nachfrage.

Die australischen Referenzpreise für Kraftwerkskohle stiegen Anfang Juni auf nahezu 150 US-Dollar je Tonne. Auslöser waren Lieferengpässe in China, Unsicherheiten bei indonesischen Exporten sowie die saisonal steigende Stromnachfrage. Erst nach der Ankündigung eines Waffenstillstands im Nahen Osten gaben die Preise wieder deutlich nach.

Bereits im März hatten die Kohlepreise gegenüber dem Vormonat um rund 20 % zugelegt. Nachdem die Kämpfe im Golfraum die Erdgasversorgung beeinträchtigten, griffen zahlreiche Energieversorger in Asien wieder verstärkt auf ihre Kohlekraftwerke zurück.

Mit der weiteren Eskalation des Iran-Konflikts und der zeitweisen Blockade der Straße von Hormus blieben die Kohlepreise auch im April und Mai auf erhöhtem Niveau.

Kohlekraftwerke bleiben strategische Reserve

Viele Staaten halten Kohlekraftwerke weiterhin als Reservekapazitäten vor, um auf Versorgungskrisen reagieren zu können. Nach Einschätzung von Goldman Sachs stellte der Konflikt im Nahen Osten die schwerste Unterbrechung der globalen Energieversorgung der jüngeren Geschichte dar.

Deutschland verfügt innerhalb Europas mit rund 40 Gigawatt über die größte installierte Kohlekraftwerkskapazität. Weitere 20 Gigawatt stehen als Reserve zur Verfügung und dienen als Puffer gegen starke Schwankungen der Gaspreise. Polen, Tschechien und Bulgarien erzeugen ebenfalls einen erheblichen Teil ihres Stroms aus Kohle. Großbritannien hingegen hat sein letztes Kohlekraftwerk bereits 2024 stillgelegt.

Auch in Asien bleibt Kohle trotz des massiven Ausbaus erneuerbarer Energien ein zentraler Bestandteil der Energieversorgung. China reduziert seinen Kohleverbrauch zwar schrittweise, doch das starke Wirtschaftswachstum verlangsamt diesen Prozess. Indien deckt weiterhin rund 75% seines Energiebedarfs mit Kohle.

Zusätzlichen Druck erzeugte der vorübergehende Ausfall von LNG-Lieferungen aus Katar, nachdem der LNG-Komplex Ras Laffan Ziel eines iranischen Raketenangriffs geworden war.

China und Indien setzen weiter auf Kohle

Die Weltbank erwartet, dass die weltweite Nachfrage nach Kraftwerkskohle im Jahr 2026 nahezu stabil bleibt. Ein steigender Verbrauch in Asien dürfte den Rückgang in Europa weitgehend ausgleichen.

Besonders China und Indien wollen ihre heimische Kohleförderung weiter ausbauen, um die Abhängigkeit von Energieimporten zu reduzieren und die Versorgungssicherheit zu stärken.

Chinas neuer Fünfjahresplan räumt der Energiesicherheit ausdrücklich Vorrang ein. Zwar investiert das Land massiv in Solar-, Wind- und Wasserkraft, gleichzeitig bleibt Kohle jedoch als strategische Reserve fest eingeplant. Zudem wird der Ausbau der Kohle-zu-Chemie-Industrie weiter unterstützt.

„Wir werden der Energiesicherheit stets Priorität einräumen“, erklärte Wang Hongzhi, Leiter der chinesischen Nationalen Energieverwaltung.

Seit den Stromausfällen der Jahre 2021 und 2022 hat China den Bau neuer Kohlekraftwerke erheblich beschleunigt. Parallel wächst die Kohleveredelungsindustrie, die von einer starken Bergbaulobby unterstützt wird.

Europa reduziert Kohleverbrauch langsamer

In der Europäischen Union dürfte der Kohleverbrauch zwar weiter sinken, allerdings langsamer als noch vor Beginn des Nahostkonflikts erwartet.

In den USA rechnen Experten dagegen mit einer weitgehend stabilen Nachfrage. Ursache ist der stark steigende Strombedarf, der unter anderem durch den Ausbau von KI-Rechenzentren sowie den Ersatz teurer Erdgasverstromung entsteht.

China und Indien konnten den Anstieg ihres Kohleverbrauchs im Jahr 2025 dank eines Rekordausbaus von Solar-, Wind- und Wasserkraft begrenzen. Beide Staaten betrachten die heimische Kohleförderung jedoch weiterhin als strategischen Bestandteil ihrer Energiepolitik.

Angebot bleibt stabil – Preise dürften hoch bleiben

Auf der Angebotsseite erwartet die Weltbank für 2026 einen leichten Rückgang der globalen Kohleproduktion um etwa ein Prozent. Dennoch dürfte das Angebot ausreichen, um die Nachfrage zu decken.

Während China, Nordamerika und Eurasien ihre Produktion ausweiten konnten, verzeichneten Australien und Indonesien – die beiden größten Kohleexporteure der Welt – rückläufige Fördermengen.

Indonesien plant für 2026 eine weitere Reduzierung seiner Förderziele. Gleichzeitig verteuern Dieselknappheit und gestiegene Kraftstoffpreise infolge des Nahostkonflikts den Kohleabbau zusätzlich.

Die Weltbank rechnet deshalb damit, dass die australischen Referenzpreise für Kraftwerkskohle im Jahr 2026 durchschnittlich bei rund 130 US-Dollar pro Tonne liegen werden – etwa 20 % über dem Vorjahresniveau. Erst 2027 dürfte sich der Markt wieder entspannen.

Versorgungssicherheit schlägt Klimapolitik

Die Weltbank sieht weiterhin erhebliche Aufwärtsrisiken für den Kohlemarkt. Sollte sich die Normalisierung der Erdgaslieferungen über die Straße von Hormus verzögern, könnte Kohle länger als erwartet eine tragende Rolle bei der Stromversorgung spielen.

Zusätzliche Nachfrage könnte durch den boomenden Ausbau von KI-Rechenzentren entstehen, deren wachsender Strombedarf insbesondere in China und den USA den Weiterbetrieb bestehender Kohlekraftwerke begünstigen dürfte.

Umgekehrt könnten eine schnellere Erholung der indonesischen Exporte sowie ein noch stärkerer Ausbau erneuerbarer Energien den Preisdruck wieder reduzieren.

Die aktuelle Entwicklung verdeutlicht, dass geopolitische Krisen die Energiewende weiterhin maßgeblich beeinflussen. Langfristig bleibt der Ausbau erneuerbarer Energien zwar das dominierende Ziel vieler Staaten. In Zeiten akuter Versorgungskrisen erhält jedoch die Energiesicherheit eindeutig Vorrang vor klimapolitischen Ambitionen.

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