Das polnische Haushaltsdefizit von rund 7% des Bruttoinlandsprodukts (BIP) dürfte zwar kurzfristig keine Staatsschuldenkrise auslösen, erhöht jedoch die Risiken für den Anleihemarkt und schränkt den fiskalischen Handlungsspielraum des Landes ein. Zu diesem Ergebnis kommt das Analysehaus Capital Economics in einer am 21. Juli veröffentlichten Einschätzung.
Nach Ansicht der Analysten stellt die Verschlechterung der öffentlichen Finanzen derzeit die größte strukturelle Schwäche der polnischen Wirtschaft dar. Da die Wirtschaft bereits nahe ihrer Produktionskapazität arbeite und gleichzeitig ein hohes strukturelles Defizit aufweise, verfüge die Regierung nur über begrenzte Möglichkeiten, auf einen konjunkturellen Abschwung oder andere wirtschaftliche Schocks zu reagieren.
Gleichzeitig begrenzen die vergleichsweise moderate Staatsverschuldung, die überwiegend in Złoty denominiert ist, sowie eine breite inländische Investorenbasis die kurzfristigen Refinanzierungsrisiken. Zudem kann Polen einen Teil seiner Verteidigungsausgaben über die SAFE-Kreditfazilität der Europäischen Union zu günstigeren Konditionen finanzieren.
Defizit dürfte langfristig hoch bleiben
Capital Economics erwartet, dass das Haushaltsdefizit bis 2030 lediglich auf rund 5% des BIP zurückgeht. Dies reiche jedoch nicht aus, um den Anstieg der Staatsverschuldung dauerhaft zu stoppen.
Die hohen Verteidigungsausgaben sowie die bis spätestens Oktober 2027 anstehenden Parlamentswahlen lassen nach Einschätzung der Analysten kaum Spielraum für eine umfassende Haushaltskonsolidierung.
Im Jahr 2025 belief sich das polnische Staatsdefizit auf 7,3% des BIP, während die Staatsverschuldung 59,7% des BIP erreichte. Die Europäische Kommission erwartet einen Rückgang des Defizits auf 6,5% im Jahr 2026 und 6,3% im Jahr 2027. Gleichzeitig dürfte die Schuldenquote jedoch auf 64,5% beziehungsweise 68,3% des BIP steigen.
Hohe Staatsanleihebestände der Banken
Nach Einschätzung von Capital Economics führt die starke Nachfrage der Banken nach Staatsanleihen dazu, dass weniger Kredite an Unternehmen vergeben werden. Dies trage dazu bei, dass die Investitionsquote in Polen weiterhin unter 20% des BIP liege.
Nach Angaben der Oesterreichischen Nationalbank hielten polnische Banken Ende 2025 nahezu 40% der ausstehenden Staatsanleihen. Forderungen gegenüber dem Staat machten rund 23% ihrer gesamten Aktiva aus. Trotz der hohen Kapitalausstattung und Rentabilität des Bankensektors sehen die Analysten derzeit jedoch keine unmittelbaren Risiken für die Finanzstabilität.
Schuldenquote steigt weiter
BNP Paribas schätzt, dass das Haushaltsdefizit auf unter 3,5% des BIP sinken müsste, um die Staatsverschuldung langfristig zu stabilisieren.
Der gesamte Finanzierungsbedarf Polens dürfte sich 2026 einschließlich fälliger Verbindlichkeiten auf 688,5 Milliarden Złoty (rund 162 Milliarden Euro) beziehungsweise 16,6% des BIP belaufen.
Auch die größte polnische Bank PKO BP warnt vor steigenden fiskalischen Risiken.
„Die fiskalischen Risiken nehmen kontinuierlich zu, und die zusätzlichen Belastungen infolge des Ölpreisschocks haben die Lage weiter verschärft. Spätestens 2027 dürfte Polen an fiskalische Grenzen stoßen, wenn die Staatsverschuldung die gesetzliche Überwachungsschwelle überschreitet. Dies könnte ab 2029 erhebliche Haushaltsanpassungen erforderlich machen“, erklärte PKO BP Ende Juni.
Gesetzliche Schuldenbremsen könnten greifen
Nach polnischem Haushaltsrecht treten automatische Korrekturmaßnahmen in Kraft, sobald die Staatsverschuldung nach nationaler Berechnung die Schwelle von 55% des BIP überschreitet und auch die bereinigte Schuldenquote diesen Wert erreicht.
In diesem Fall müsste die Regierung den Haushalt des Folgejahres ohne zusätzliches Defizit aufstellen oder Maßnahmen zur Senkung der Schuldenquote ergreifen. Vorgesehen sind unter anderem das Einfrieren der Gehälter im öffentlichen Dienst, eine Begrenzung der Rentenanpassungen auf die Inflationsrate sowie die Vorlage eines verbindlichen Konsolidierungsprogramms.
Sollte die gesetzliche Schwelle Ende 2027 überschritten werden, würden die entsprechenden Beschränkungen voraussichtlich für den Staatshaushalt 2029 gelten.
Darüber hinaus schreibt die polnische Verfassung vor, dass die Staatsverschuldung 60% des BIP nicht überschreiten darf. Wird diese Grenze erreicht oder überschritten, treten noch strengere fiskalische Auflagen in Kraft.


