Seit 2022 strebt Russland nach mehr technologischer Souveränität im Gesundheitswesen. Die Importsubstitution von Medizintechnik verläuft allerdings schleppend. Im Zeitraum von 2022 bis 2025 stieg der Marktanteil russischer Geräte lediglich von 19% auf 21%, wie das russische Marktforschungsunternehmen Techart in einer Branchenanalyse ausweist. Die Firma RT-Medizinskiji Technologii (RT-MedTech), die zum Staatskonzern Rostec gehört, sieht den Marktanteil russischer Geräte wiederum bei 32%. Die Regierung peilt bis 2030 eine Steigerung auf 40% an.
Dieses ehrgeizige Vorhaben lässt sich unter den schwierigen Marktbedingungen schwer umsetzen. Medizintechnik fällt – mit Ausnahme bestimmter Dual-Use-Güter – zwar nicht unter die allgemeinen Sanktionsbeschränkungen gegen Russland. Allerdings hat die sanktionsbedingte Verschiebung der Logistikrouten zu längeren Lieferzeiten und höheren Beschaffungskosten für Russland geführt.
Der Medizintechnikmarkt deckte 2025 seine Nachfrage zu 79% durch Importe ab, geht aus dem Techart-Branchenbericht hervor. Besonders hoch sei die Importabhängigkeit bei Hightech-Medizintechnik und komplexer Diagnosesystemen wie etwa Geräten für Computertomografie (CT) und Magnetresonanztomografie (MRT), schreibt Techart. Der Verband internationaler Medizintechnikhersteller IMEDA schätzt den Importanteil in dieser Technikkategorie auf 80%. Experten stellen auch eine hohe Abhängigkeit von ausländischen Komponenten wie Mikrochips, Sensoren, Optik und Spezialmaterialien fest.
Nach Angaben von Techart liegt der Importanteil von Ausrüstung für Operationssäle bei mehr als 80%. Aus russischer Produktion kommen überwiegend Verbandsmaterialien und Geräte wie medizinische Monitore, Spül- und Saugpumpen sowie OP-Lampen. Im Segment In-vitro-Diagnostik, also der Laboruntersuchung von Proben wie Blut, Urin oder Gewebe, die aus dem Körper entnommen wurden, ist die Abhängigkeit mit einem Importanteil von 50% deutlich geringer. Einheimische Hersteller holen bei Verbrauchsmaterialien, Labortechnik und grundlegenden Diagnosegeräten wie Stethoskopen, Blutdruckmessgeräten und Pulsmessgeräten auf. Komplexe Laboranalysegeräte kommen hingegen nach wie vor aus dem Ausland.
OP-Ausrüstung – größtes Segment
Der Medizintechnikmarkt wuchs 2025 um 3% auf 876,6 Mrd. Rubel, umgerechnet 9,3 Mrd. Euro. In den vergangenen fünf Jahren betrug die durchschnittliche Wachstumsrate 5%. Wachstumstreiber für den Medizintechnikmarkt waren die Modernisierung von Ausstattung in medizinischen Einrichtungen, die Nachfrage nach Diagnose- und Laborgeräten sowie die rasante Entwicklung digitaler Medizintechnologien. Im vergangenen Jahr entfielen 68% der Medizintechniknachfrage auf öffentliche Einrichtungen und 32% auf den Privatkliniksektor.
Das Marktforschungsunternehmen Techart schätzt den russischen Medizintechnikmarkt 2025 auf 866 Mrd. Rubel, umgerechnet 9,2 Mrd. Euro. Für die größte Nachfrage sorgte OP-Ausrüstung, deren Umsatzanteil bei 268,4 Mrd. Rubel lag (2,9 Mrd. Euro) – ein Marktanteil von 31%. Hierzu zählten Medizinprodukte für Chirurgie und Endoskopie, Operationstische, Chirurgie-Geräte und Operationssysteme. Ausrüstung und Verbrauchsmaterial für Labortests kamen auf 181,8 Mrd. Rubel, ca. 1,9 Mrd. Euro (21%), das Segment orthopädische Rehabilitation generierte 121 Mrd. Rubel, 1,3 Mrd. Euro (14%), medizinische Bildgebung – 95 Mrd. Rubel, 1,01 Mrd. Euro (11%). Auf sonstige, nicht näher definierte Medizinprodukte entfielen 199 Mrd. Rubel, ca. 2,12 Mrd. Euro (23%).
Der russische Markt für Medizintechnologie (MedTech) ist breit gefächert. Neben der eigentlichen Medizintechnik umfasst der Markt ebenso die Segmente In-vitro-Diagnostik (IVD) sowie Digitale Gesundheit – Produkte zur Gesundheitsprävention sowie Verbesserung der Lebensqualität. Hierzu zählen Medizin-Software, IT-Lösungen für das Gesundheitsweisen, mobile Gesundheitsanwendungen und Telemedizin.
Russische Medizintechnikhersteller
Nach Angaben des russischen Industrie- und Handelsministeriums waren in Russland 2023 ca. 3000 Unternehmen im Bereich Medizintechnik tätig. Lediglich 180 Mrd. Rubel (1,91 Mrd. Euro) am Gesamtvolumen des Medizintechnikmarktes (866 Mrd. Rubel, 9,2 Mrd. Euro) stammen 2025 aus russischer Produktion, was gleichzeitig einen Zuwachs von 53,5% zum Vorjahr darstellte.
Das Medizintechnikunternehmen aus dem Ural UPZ, das zum Konzern Radioelektronnye Technologi gehört und Teil des staatlichen Giganten Rostec ist, stellt Anästhesie- und Beatmungsgeräte sowie Reanimationsgeräte her. Die Firma erwirtschaftete im vergangenen Jahr 2,21 Mrd. Rubel Umsatz (23,5 Mio. Euro). Fast genauso viel Umsatz generierte der Konzern Axion aus der Stadt Ischewsk, der im Jahr 1930 gegründet wurde. Axion mit Schwerpunkt Strahlenmessgeräte und Diagnosetechnik setzte 2,20 Mrd. Rubel um (23,4 Mio. Euro). Das Uraler Unternehmen Treaton Electronics (Beatmungsgeräte und Patientenmonitore) verbuchte 1,8 Mrd. Rubel Umsatz, umgerechnet 19,1 Mio. Euro.
Das aus Düsseldorf stammende Unternehmen Dixion ist international breit aufgestellt und vertreibt seine medizinischen Geräte auch in Russland und den GUS-Ländern. Das Unternehmen verkaufte 2025 in Russland Medizintechnik im Wert von 665,9 Mio. Rubel (7,08 Mio. Euro).
Bei Ausrüstung und Verbrauchsmaterial für Labortests ist das Unternehmen Vector Best aus Nowosibirsk eindeutiger Spitzenreiter (Jahr 8,5 Mrd. Rubel – 90,4 Mio. Euro). Das Unternehmen produziert Reagenzien sowie Ausrüstung für zahlreiche Bereiche der Labordiagnostik. Auch das Moskauer Unternehmen DNK Technologija spielt in dem Laborsegment eine wichtige Rolle und nahm im vergangenen Jahr 5,5 Mrd. Rubel (58,5 Mio. Euro) ein. Führend bei der Produktion von Bildgebungsgeräten waren die Moskauer Unternehmen MTL (Umsatz 2025: 6,1 Mrd. Rubel – 64,9 Mio. Euro) und Amico (3,25 Mrd. Rubel – 34,6 Mio. Euro) sowie Electron aus St. Petersburg (3,19 Mrd. Rubel – 33,9 Mio. Euro).
Importmarken: sieben von zehn Geräten
Russland führte im vergangenen Jahr Medizintechnik im Wert von 690 Mrd. Rubel (7,34 Mrd. Euro) ein – ein Plus von rund 8% zum Vorjahr. Der Moskauer Datenanbieter für Medizinprodukte AnalitikaMed wertete die staatlichen Lieferverträge für Medizintechnik im Rahmen des Beschaffungsgesetzes Nr. 44 für Staat und Kommunen im Jahr 2025 aus. Der Gesamtwert der erworbenen Medizintechnik belief sich auf 129,2 Mrd. Rubel (1,37 Mrd. Euro). Diese Zahlen decken nur einen Teil des Beschaffungsvolumens ab, zeugen jedoch von einer hohen Nachfrage nach ausländischer Medizintechnik. Von zehn aufgelisteten Herstellermarken stammen sieben aus dem Ausland.
Mindray aus China (3,5 Mrd. Rubel, ca. 37,2 Mio. Euro) steuerte Laboranalysegeräte, Patientenmonitore und Anästhesiegeräte bei. Philips aus den Niederlanden stellte Röntgengeräte (3,3 Mrd. Rubel – 35,1 Mio. Euro), der US-Konzern GE HealthCare – Ultraschall- und Röntgengeräte (2,6 Mrd. Rubel – 27,6 Mio. Euro). In der Statistik ausgewiesen sind außerdem: das Schweizer Unternehmen Roche Diabetes (Laborgeräte 2,5 Mrd. Rubel – 26,6 Mio. Euro), Olympus Medical Systems aus Japan (endoskopische Geräte, 1,9 Mrd. Rubel – 20,2 Mio. Euro), das britische Unternehmen SLE Limited (Wiederbelebungsausrüstung, 1,5 Mrd. Rubel – 16 Mio. Euro) sowie die deutsche Marke Karl Storz aus Baden-Württemberg (Endoskopie- und Laparoskopie-Geräte für minimalinvasive chirurgische Eingriffe, 1,4 Mrd. Rubel – 14,9 Mio. Euro).
Made in Germany weiterhin gefragt
Der auf Medizintechnik spezialisierte russische Datenanbieter Report Service hat in einer Statistik die Importe der größten Medizintechniklieferanten Russlands ermittelt. Im Fokus standen Lieferungen von hochtechnologischen Geräten für Computertomografie (CT), Magnetresonanztomografie (MRT) sowie Ultraschall zwischen 2018 und 2024.
Bei CT- und MRT-Geräten hatten die USA die Nase vorn. Im Schnitt exportierte die Vereinigten Staaten nach Russland CT-Geräte im Wert von 32,40 Mrd. Rubel (344,5 Mio. Euro) und MRT-Geräte im Wert von rund 36 Mrd. Rubel (382,8 Mio. Euro). Besonders die Bestwerte aus dem Jahr 2024 stechen hervor – 41,9 Mrd. Rubel, 445,5 Mio. Euro (CT), und 49,6 Mrd. Rubel, 527,4 Mio. Euro (MRT). Für die zweitmeisten Lieferungen sorgte Deutschland: ein Durchschnittwert von 20,37 Mrd. Rubel (216,6 Mio. Euro) bei CR-Geräten und 34,26 Mrd. Rubel (364,3 Mio. Euro) bei MRT-Geräten. Drittwichtigster Lieferant waren die Niederlande: 16,94 Mrd. Rubel, 180,1 Mio. Euro (CT-Geräte), und 20,06 Mrd. Rubel, 213,3 Mio. Euro (MRT-Geräte).
Die meisten CT-Geräte stellte der US-Konzern General Electric mit einem Marktanteil von rund 42%. An zweiter Stelle lag Siemens Healthineers mit 13,8%, gefolgt von der niederländischen Philips (13%) und den japanischen Technikmarken Canon und Hitachi (4,9%). Die chinesischen Herstellermarken Shenzhen Anke High-tech, Neusoft Medical, MinFound Medical Systems kamen zusammen auf 11,2%.
Bei Ultraschallgeräten beanspruchte die USA mit einem Durchschnittsimportwert von 28,4 Mrd. Rubel ebenso die Führung für sich, gefolgt von Südkorea (14,60 Mrd. Rubel – 155,2 Mio. Euro) und China (14,56 Mrd. Rubel – 154,8 Mio. Euro). Generell ist zu erkennen, dass Russland in den vergangenen Jahren Medizintechnik auch aus Ländern bezog, die zuvor für diesen Markt weniger relevant waren – so etwa aus China und Belarus (CT-Geräte). Das Marktforschungsunternehmen Delovoj Profil schätzte den Anteil chinesischer Medizingeräte am Gesamtimport 2024 auf 30% und hob die chinesischen Gerätehersteller Mindray, SonoScape und Zoncare hervor.
Hohe Nachfrage nach Prothesen
Den höchsten Lokalisierungsgrad bei Medizintechnik (74%) verzeichnet RT-MedTech im Bereich orthopädische Rehabilitation. Zu diesem Segment gehören unter anderem physiotherapeutische Geräte, Rehabilitations- und Trainingsanlagen sowie Prothesen, Orthesen, Rollatoren und Rollstühle. Der Staat will das Produktionsvolumen von 60,9 Mrd. Rubel im Jahr 2025 auf 105,56 Mrd. Rubel im Jahr 2030 steigern, umgerechnet von 640 Mio. auf 1,1 Mrd. Euro. Der Marktanteil einheimischer Medizinprodukte in diesem Bereich soll damit von aktuellen 52% auf 64% wachsen. Laut dem Prüfungs- und Consultingunternehmen Technologiji Dowerija (TeDo) belief sich das Marktvolumen für orthopädische Rehabilitation im vergangenen Jahr auf 145,4 Mrd. Rubel (1,55 Mrd. Euro). Bis 2030 prognostiziert TeDo eine Marktvolumen von 506 Mrd. Rubel (5,3 Mrd. Euro).
Auf diesem Gebiet dominiert das Moskauer Unternehmen für Prothesen und Orthopädie (Moskowskoje Protesnoje-Ortopeditscheskoje Predprijatije), das neben Prothesen und Orthesen auch Tierprothesen herstellt. Im vergangenen Jahr kam der Marktführer auf 14,8 Mrd. Rubel (157 Mio. Euro). Eine wichtige Rolle in diesem Segment spielt auch das Moskauer Unternehmen Zito (Teil des Staatskonzerns Rostec), spezialisiert auf Endoprothesen (künstliche Ersatzgelenke) sowie Implantate und Knochenplatten. Zito verbuchte im vergangenen Jahr 4,5 Mrd. Rubel (48 Mio. Euro). Elamed aus dem Gebiet Rjasan, das unter anderem Physiotherapiegeräte herstellt, setzte im vergangenen Jahr 4 Mrd. Rubel um (43 Mio. Euro).
Nach Angaben von TeDo fanden im vergangenen Jahr 13,7 Mio. Rehabilitationshilfsmittel einen Käufer – dies ist ein Anstieg um eine Million Einheiten. Den größten Anteil am Absatz (30%) machten Beinprothesen aus, gefolgt von orthopädischen Hilfsmitteln wie Orthesen (21%) und Rollstühlen (12%).
Gleichzeitig beziffern die Analysten den Marktbedarf an Reha-Hilfsmitteln schon heute auf 36 Mio. Einheiten. Bis Ende des Jahrzehnts könnte der Bedarf auf 42 Mio. Einheiten steigen. Experten erklären dies damit, dass eine einzelne Person mehrere Prothesen für unterschiedliche Anwendungszwecke (Alltag, Laufen, Schwimmen) nutzen kann und Prothesen nach einer gewissen Zeit wegen Verschleiß ausgetauscht werden müssen.
Laut dem russischen Gesundheitsministerium werden jährlich 1,5 Mio. Menschen mit Reha-Hilfsmitteln versorgt, davon besitzen 200.000 Menschen Prothesen. Der Staatskonzern Rostec gibt die Zahl von Menschen mit Amputation in Russland mit 500.000 an. „Etwa 60–70% der Amputationen stehen im Zusammenhang mit Gefäßerkrankungen“, teilt Rostec mit. Das Durchschnittsalter dieser Patienten liege bei über 60 Jahren. „Der Anteil junger Menschen, die Prothesen benötigen, betrug bis 2022 etwa 8%, nun liegt er bei 15–20%. Dabei handelt es sich hauptsächlich um Militärangehörige, die im Ukraine-Konflikt verwundet wurden“, erklärt Rostec.
Quelle: Deutsch-Russische Auslandshandelskammer, Medizintechnik in Russland: zwischen Importabhängigkeit und Souveränitätsstreben, 12.10.2026.
Dieser Beitrag wurde für die Deutsch-Russische Auslandshandelskammer erstellt.


