Die Analysten Mikhail Liluashvili und Hande Kucuk von Bank of America (BofA) Global Research empfehlen angesichts der anhaltenden politischen Unsicherheiten in der Türkei den Verkauf eines zweimonatigen USD/TRY-Terminkontrakts.
In einer am 26. Mai veröffentlichten Analyse raten sie dazu, den US-Dollar gegenüber der türkischen Lira (USD/TRY) auf Terminbasis bei 48,8 leerzuverkaufen. Der Kassakurs lag zum Zeitpunkt der Empfehlung bei 45,9. Der monatliche Carry-Ertrag beträgt nach Angaben der Analysten rund 3,3%.
„Die zunehmende innenpolitische Unsicherheit hat zu einer Neubewertung der Risiken geführt und damit einen attraktiveren Einstiegszeitpunkt geschaffen“, heißt es in der Analyse.
BofA setzt auf kontrollierte Lira-Abwertung
Nach Einschätzung der Bank verfolgt die türkische Zentralbank weiterhin das Ziel, die reale Aufwertung der Lira gegenüber dem US-Dollar zu unterstützen und die Realzinsen im positiven Bereich zu halten.
Daraus ergibt sich die Erwartung, dass die türkische Lira langsamer abwertet, als es die aktuellen Terminkurse implizieren. Tatsächlich sei es den Behörden bislang gelungen, die monatliche Abwertung unterhalb des Carry-Ertrags zu halten.
Zu den wichtigsten Risiken für diese Strategie zählen deutlich steigende Ölpreise, eine allgemeine Stärke des US-Dollars, eine verstärkte Dollarisierung der türkischen Wirtschaft, geopolitische Spannungen sowie mögliche Kapitalabflüsse.
Devisenreserven bieten Unterstützung
Die liquiden Devisenreserven der Türkei beliefen sich laut BofA am 15. Mai auf rund 37 Milliarden US-Dollar. Zusätzlich könnten Gold-Devisen-Swaps oder direkte Goldverkäufe der Zentralbank die Reserven weiter stärken.
Die verfügbaren Reserven übersteigen nach Angaben der Analysten die gesamten Devisentermingeschäfte, die sich auf rund 30 Milliarden US-Dollar belaufen.
Darüber hinaus halten ausländische Investoren türkische Staatsanleihen in Lira im Wert von rund 14 Milliarden US-Dollar. Zwar könnten diese Positionen in Stressphasen unter Druck geraten, eine vollständige Liquidierung gilt jedoch als unwahrscheinlich.
Auch die ausländischen Aktieninvestitionen von rund 44 Milliarden US-Dollar erscheinen laut BofA derzeit relativ stabil.
Zusätzliche Unterstützung erwartet die Bank von den steigenden Tourismuseinnahmen während der Sommermonate, die die Leistungsbilanz kurzfristig verbessern dürften.
Dollarisierung bleibt ein Risiko
Ein wesentliches Risiko für die Lira bleibt die Dollarisierung innerhalb der türkischen Wirtschaft. Die Analysten gehen jedoch davon aus, dass die Behörden bei Bedarf mit Zinserhöhungen, makroprudenziellen Maßnahmen und einer Fortsetzung der Strategie zur realen Aufwertung der Lira gegensteuern können.
Auch mögliche Kapitalabflüsse von Inländern stellen nach Einschätzung der Bank ein Risiko dar. Der bestehende wirtschaftspolitische Rahmen biete jedoch ausreichend Instrumente, um entsprechende Belastungen abzufedern.
Sollten die Spannungen im Nahen Osten weiter zunehmen und die Energiepreise deutlich steigen, könnte die türkische Zentralbank gezwungen sein, eine schnellere Abwertung der Lira zuzulassen. Selbst in diesem Szenario erwartet die Bank of America jedoch, dass die Abwertung innerhalb der nächsten zwei Monate unterhalb des aktuellen Carry-Niveaus bleibt.
JPMorgan realisiert Gewinne nach starkem Lira-Anstieg
Unabhängig davon teilte JPMorgan am 29. Mai mit, die Gewinne aus seiner langfristigen Übergewichtung der türkischen Lira vollständig realisiert zu haben.
Die Strategie war seit September 2023 mit kurzer Unterbrechung während der türkischen Kommunalwahlen im März 2024 eine Kernposition im Schwellenländer-Anleiheportfolio der Bank.
Nach Angaben der Strategen um Anezka Christovova erzielte die türkische Lira seit September 2023 eine Gesamtrendite von rund 55% auf US-Dollar-Basis.
Bereits Ende April hatte JPMorgan die Größe der Position reduziert und verfolgt nun einen kurzfristigeren, taktischen Ansatz.
Als Gründe nennt die Bank sinkende erwartete Renditen, steigende Anforderungen an die Finanzierung der Leistungsbilanz, mögliche Belastungen durch höhere Energiepreise sowie ein erhöhtes Risiko vorgezogener Neuwahlen.
Trotzdem gehen die Strategen davon aus, dass die türkischen Behörden weiterhin auf eine geringe Wechselkursvolatilität setzen werden.
Hohe Renditen für Anleger – hohe Kosten für Kreditnehmer
Einige Marktbeobachter verweisen darauf, dass Anleger in türkischen Lira-Geldmarktfonds zwischen September 2023 und Mai 2026 Renditen von rund 220% erzielt haben. Auf US-Dollar-Basis entspreche dies einer Rendite von etwa 95%.
Gleichzeitig bleiben die Finanzierungskosten für Verbraucher hoch. Türkische Kreditkartenschuldner zahlen derzeit monatliche Zinssätze zwischen 3,11% und 4,55%. Zwischen März 2024 und Juli 2025 lag die Spanne zeitweise sogar zwischen 3,11% und 5,30% pro Monat.

