Die türkischen Finanzmärkte rechnen zunehmend mit einer deutlichen Zinserhöhung durch die Zentralbank, nachdem die jüngsten politischen Entwicklungen die Unsicherheit im Land verstärkt haben.
Die US-Bank JPMorgan erklärte am 22. Mai, dass sie bei der nächsten Zinssitzung der türkischen Zentralbank am 11. Juni eine Anhebung des Leitzinses um 300 Basispunkte auf 40% erwartet. Auch eine vorgezogene Zinserhöhung wird nicht ausgeschlossen.
Die britische HSBC zeigte sich zurückhaltender und erklärte, dass eine Zinserhöhung vor allem dann wahrscheinlich sei, wenn der Druck auf die türkische Lira weiter zunehme. Gleichzeitig näherten sich die impliziten Zinssätze für Lira-Swaps der Marke von 43%.
Der aktuelle Leitzins (einwöchiger Repo-Satz) liegt bei 37%, während die aktive Refinanzierung über die Übernachtfazilität mit 40% erfolgt. Eine Anhebung um 300 Basispunkte würde den effektiven Finanzierungssatz auf 43% erhöhen.
Politische Spannungen belasten das Vertrauen
Auslöser der jüngsten Marktunsicherheit war eine Entscheidung der 36. Zivilkammer des Regionalgerichts Ankara vom 21. Mai. Das Gericht entzog Özgür Özel den Vorsitz der größten Oppositionspartei CHP und setzte seinen Vorgänger Kemal Kılıçdaroğlu wieder ein.
Trotz der Brisanz der Entscheidung blieb die politische Lage zunächst vergleichsweise ruhig. Sowohl Özel als auch Kılıçdaroğlu vermieden eine Eskalation. Beobachter gehen davon aus, dass die Regierung eher auf eine Spaltung der CHP als auf eine direkte Ausschaltung der Parteiführung abzielt.
Seit Oktober 2024 steht die CHP zunehmend unter Druck durch Ermittlungen und Maßnahmen der Justiz. Der Istanbuler Bürgermeister und Präsidentschaftskandidat der Opposition, Ekrem İmamoğlu, befindet sich seit März 2025 in Haft. Die Zahl der inhaftierten CHP-Bürgermeister stieg zuletzt auf 24.
Viele politische Beobachter sehen die Maßnahmen als Versuch, eine mögliche Kandidatur İmamoğlus bei den kommenden Präsidentschaftswahlen zu verhindern. Umfragen hatten ihn zuletzt als ernsthaften Herausforderer von Präsident Recep Tayyip Erdoğan eingestuft.
Zentralbank verteidigt die Lira
Die politischen Turbulenzen führten erneut zu Spekulationen über Interventionen am Devisenmarkt. Nach Angaben von Bloomberg sollen staatliche Banken am Tag der Gerichtsentscheidung Devisen im Wert von rund 6 Milliarden US-Dollar verkauft haben, um die türkische Lira zu stabilisieren.
Offizielle Zahlen veröffentlicht die türkische Regierung nicht. Marktbeobachter schätzen das Volumen der Interventionen anhand der Bilanzdaten der Zentralbank.
Bereits im Frühjahr hatte die Zentralbank erhebliche Summen eingesetzt, um die Landeswährung zu stützen. Schätzungen zufolge wurden im März rund 50 Milliarden US-Dollar zur Verteidigung der Lira verwendet. Bis Anfang Mai konnten etwa 18 Milliarden US-Dollar der zuvor eingesetzten Reserven wieder aufgebaut werden.
Märkte zeigen erste Erholung
Trotz der politischen Unsicherheit stabilisierte sich die türkische Lira zuletzt gegenüber dem US-Dollar. Der Wechselkurs USD/TRY blieb dank staatlicher Interventionen weitgehend unverändert bei rund 45 Lira je Dollar.
Auch die Börse reagierte positiv. Der Leitindex BIST 100 legte am 22. Mai um 5% zu, nachdem er am Vortag um 6% eingebrochen war.
Die Risikoprämien türkischer Staatsanleihen, gemessen an den fünfjährigen Credit Default Swaps (CDS), stiegen zwar leicht an, blieben jedoch unter der Marke von 250 Basispunkten. Dies deutet darauf hin, dass die Finanzmärkte die Lage derzeit noch als kontrollierbar einschätzen.
In den kommenden Wochen dürfte der Fokus der Investoren vor allem auf den Devisenreserven der Zentralbank sowie auf der nächsten Zinssitzung liegen. Die geldpolitischen Entscheidungen werden maßgeblich darüber bestimmen, ob die Stabilisierung der Märkte anhält oder neue Turbulenzen drohen.

