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4,2 % Wachstum trotz Ölminus: Kasachstans Industrie trägt die Konjunktur
"Steppe Ahead" · 14.10.2026

4,2 % Wachstum trotz Ölminus: Kasachstans Industrie trägt die Konjunktur

Kasachstans Wirtschaft wächst in neun Monaten um 4,2 %, obwohl die Ölförderung um 8,3 % auf 69,4 Mio. Tonnen sinkt: Industrie und private Investitionen übernehmen.

Zentralasien-Kolumne „Steppe Ahead“

Kasachstans Wirtschaft wuchs in den ersten neun Monaten 2026 um 4,2 %. Die Ölförderung sank im selben Zeitraum um 8,3 % auf 69,4 Mio. Tonnen. Beide Zahlen nannte Vizepremier und Wirtschaftsminister Serik Schumangarin am 13. Oktober bei einer Regierungssitzung in Astana. Der Nicht-Rohstoffsektor legte laut seinem Bericht um 5,4 % zu und trägt damit die Konjunktur der größten Volkswirtschaft Zentralasiens. Das offizielle Jahresziel von 5,4 % ist damit kaum noch zu erreichen.

Ölförderung bricht ein, Industrie wächst kräftig

Die Förderzahlen zeigen das Ausmaß der Delle. Tengis lieferte von Januar bis September 26,7 Mio. Tonnen, Kaschagan 12,8 Mio. Tonnen, Karatschaganak 7,5 Mio. Tonnen. Das berichtete Vizeenergieminister Jerlan Akbarow in derselben Sitzung. Laut dem Finanznachrichtenportal Investing.com fiel die Produktion vor allem im Juli. Grund waren Störungen beim Export über das Caspian Pipeline Consortium. Über diese Route zum russischen Schwarzmeerhafen Noworossijsk läuft der Großteil der kasachischen Ölexporte. Seit August liegt die Förderung wieder auf dem alten Niveau.

Den Ausfall glich die übrige Wirtschaft aus. Bau, Industrie, Transport und Handel standen laut der englischsprachigen Zeitung Astana Times für mehr als 75 % des Wachstums. Das verarbeitende Gewerbe legte um 8,6 % zu. Innerhalb der Industrie wuchs die Leichtindustrie um 62,4 %, die Chemie um 23,4 %, der Maschinenbau um 22,8 %. Schumangarin verwies zudem auf die Gewichte im BIP: Der Ölsektor stand Ende 2025 noch für 7,8 %, das verarbeitende Gewerbe für 14,1 %, der Bergbau für 12,4 %. Vizeindustrieminister Kuandyk Kaschkenow ergänzte laut Astana Times, das Land produziere inzwischen Güter, die es zuvor nie im Inland gefertigt habe.

Private Investitionen legen um 18,2 % zu

Zweiter Motor sind die Investitionen. Die Anlageinvestitionen erreichten von Januar bis September 16,1 Billionen Tenge, umgerechnet 35,7 Mrd. US-Dollar. Das sind 7 % mehr als im Vorjahreszeitraum. „Das Besondere ist, dass die privaten Investitionen, die um 18,2 % zulegten, der Haupttreiber des Investitionswachstums sind“, sagte Schumangarin laut Astana Times. Die ausländischen Direktinvestitionen lagen im ersten Halbjahr bei 9,4 Mrd. US-Dollar.

Am stärksten floss Kapital in die Industrie mit plus 40,1 %, in den Bau mit plus 32 % und in die Informationstechnik mit plus 29,2 %. Seit Jahresbeginn starteten 106 Industrieprojekte mit rund 8.000 Dauerarbeitsplätzen. Bis Jahresende will die Regierung 200 weitere Projekte im Wert von 1,7 Billionen Tenge abschließen, umgerechnet 3,77 Mrd. US-Dollar. Die Exporte von Waren und Dienstleistungen stiegen laut Astana Times im ersten Halbjahr um 25,4 % auf 55,3 Mrd. US-Dollar.

Auch die Logistik stützt das Bild. Der Gütertransit durch Kasachstan legte in den ersten neun Monaten um 13,1 % zu. Die Bahn beförderte 241,7 Mio. Tonnen Fracht, ein Plus von 3 %. Der Straßengüterverkehr wuchs um 5,6 % auf 270,4 Mio. Tonnen. Das Land profitiert damit weiter vom Ausbau des Middle Corridor zwischen China und Europa. Im Stromsektor erzeugten die Kraftwerke 91,7 Mrd. Kilowattstunden. Erneuerbare Anlagen lieferten davon 7,8 Mrd. Kilowattstunden, das Jahresziel liegt bei 8,8 Mrd.

Regierungsziel von 5,4 % rückt außer Reichweite

Die 4,2 % sind solide, aber weniger als geplant. 2025 wuchs Kasachstans Wirtschaft noch um 6,5 %. Für 2026 hatte die Regierung laut dem kasachischen Wirtschaftsportal Kapital.kz ein Plus von 5,4 % angesetzt. Schon im Mai rechnete Schumangarin vor, was das fehlende Öl kostet: „Wir wären dann schon über 6 %“, sagte er damals zur Frage, wo das Wachstum bei voller Förderung läge.

Auch die Binnenkonjunktur kühlt ab. Das Wachstum der Konsumkredite fiel laut der staatlichen Nachrichtenagentur Qazinform binnen eines Jahres von 26,4 % auf 10,4 %. Der feste Tenge drückt die Einnahmen der Exporteure und des Staatshaushalts. Die Inflation sank im September auf 9,3 % nach 9,8 % im August. Sie bleibt damit weit über dem Ziel der Nationalbank von 5 %. Immerhin hellt sich die Stimmung der Unternehmen auf: Der Geschäftsaktivitätsindex der Nationalbank stieg im September auf 50,4 Punkte. Im Dezember 2025 hatte er noch bei 49 gelegen, also unter der Wachstumsschwelle. Als Puffer dienen die Reserven: Die Nationalbank meldete Ende September 66,2 Mrd. US-Dollar an Gold- und Devisenbeständen, der Nationalfonds hielt 66,7 Mrd. US-Dollar.

Für die Region ist die Zwischenbilanz ein Signal: Kasachstan wächst erstmals über Monate ohne seinen wichtigsten Rohstoff als Treiber. Ob das trägt, hängt an zwei Fragen. Halten die privaten Investitionen ihr Tempo, wenn Kredite teuer bleiben? Und bleibt die Exportroute über Noworossijsk stabil? Der Juli hat gezeigt, wie schnell eine Pipeline-Störung auf das BIP durchschlägt.

Quelle: Astana Times, Qazinform, Investing.com (EN) Kapital.kz (RU)

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