Zentralasien-Kolumne „Steppe Ahead“
54 Wirtschaftsabkommen über 12 Mrd. US-Dollar, umgerechnet rund 10,7 Mrd. Euro: Dieses Paket haben Usbekistan und die USA am 19. Oktober in Samarkand geschnürt. Anlass war das zweite Treffen des gemeinsamen Business and Investment Council, zu dem US-Außenminister Marco Rubio anreiste. Der bilaterale Handel legte laut usbekischer Präsidialverwaltung seit Jahresbeginn um 35 % zu. Präsident Schawkat Mirsijojew sprach vom höchsten Stand der Zusammenarbeit in der Geschichte beider Länder.
Von GE Aerospace bis BlackRock: wer im Paket steckt
Das regionale Nachrichtenportal Times of Central Asia zählte nach Angaben des usbekischen Investitionsministeriums über 400 Unternehmensvertreter in Samarkand, darunter mehr als 100 aus den USA. Laut dem usbekischen Nachrichtendienst UzDaily bereiteten 45 Ministerien und Behörden das Paket vor. Jedes US-Unternehmen bekam einen festen Partner aus Staat, Regionalverwaltung oder Großindustrie zugewiesen. „Ein solches Format haben wir mit keinem anderen Land der Welt“, sagte Mirsijojew laut dem Nachrichtensender Euronews.
Die Liste der Konzerne ist lang. GE Aerospace liefert Triebwerke für neue Maschinen der Uzbekistan Airways. Boeing verkaufte der Staatslinie laut UzDaily bereits im Vorjahr 22 Großraumjets vom Typ 787. Wabtec will Lokomotiven liefern und Bahntechnik vor Ort fertigen. Franklin Templeton, Oppenheimer, Citigroup und BlackRock sollen usbekische Firmen an die internationalen Kapitalmärkte führen. BlackRock berät zudem beim Aufbau des Finanzzentrums Tashkent International Financial Centre. Das kasachische Wirtschaftsmedium Kursiv verweist auf den Börsengang des Nationalen Investmentfonds, der zuvor knapp 700 Mio. US-Dollar einbrachte. Laut Kursiv prüft Franklin Templeton weitere Aktienplatzierungen usbekischer Staatsfirmen. Dazu kommen Amazon Leo bei Satellitenkommunikation, GE HealthCare bei Medizintechnik und Valmont Industries in der Landwirtschaft.
Kritische Rohstoffe: Verarbeitung statt Rohexport
Den Kern des Pakets bilden kritische Mineralien. ReElement Technologies, Traxys und Trafigura steigen in Erkundung, Erschließung und Lieferketten ein. Schon im Februar hatten beide Länder ein Memorandum zu Rohstoff-Lieferketten unterzeichnet. Taschkent will laut UzDaily eine komplette Wertschöpfungskette im Land aufbauen, von der Lagerstätte bis zum Hightech-Produkt. Traxys-Chef Mark Kristoff bestätigte laut Kursiv diese Richtung: Verarbeitung mit US-Technologie im Land statt Export roher Erze. „Die USA setzen in Zentralasien vorrangig auf kritische Mineralien und Logistik“, sagte der usbekische Ökonom Norpulat Daniyarov der Times of Central Asia.
Bemerkenswert ist der umgekehrte Weg: Die usbekische AKFA Group investiert laut UzDaily 80 Mio. US-Dollar in ein Werk in Bowling Green im US-Bundesstaat Kentucky. Es wäre die erste Produktionsstätte eines usbekischen Unternehmens in den USA. Dazu kommen Energievorhaben, etwa kleine modulare Reaktoren, Stromnetze und Rechenzentren für künstliche Intelligenz. Auch die Ausbildung ist Teil des Pakets: Die Colorado School of Mines unterstützt Gewinnung und Verarbeitung kritischer Rohstoffe, die University of Texas at Dallas arbeitet mit dem Quantenzentrum in Samarkand zusammen.
Zwischen Zusage und Zahlung bleibt eine Lücke
Die 12 Mrd. US-Dollar reihen sich in weit größere Ankündigungen ein. Der US-Sondergesandte für Süd- und Zentralasien, Sergio Gor, nannte laut UzDaily Infrastruktur, kritische Rohstoffe sowie Luft- und Raumfahrt als Prioritäten. Im November 2025 verkündete US-Präsident Donald Trump nach einem Treffen mit Mirsijojew usbekische Käufe und Investitionen in den USA von fast 35 Mrd. US-Dollar binnen drei Jahren, über zehn Jahre sogar mehr als 100 Mrd. US-Dollar. Die Umsetzung hinkt den Zahlen hinterher. Investitionsminister Laziz Kudratov bezifferte das kommerzielle Vertragsportfolio mit den USA im September auf 35 Mrd. US-Dollar, davon waren laut Times of Central Asia erst Projekte für 7 Mrd. US-Dollar abgeschlossen. Auch beim neuen Paket bleibt offen, welcher Anteil finanziert ist und welcher nur als Absichtserklärung existiert.
Ein Hindernis sitzt in Washington: Das Jackson-Vanik-Amendment aus der Sowjetzeit verwehrt Usbekistan weiter dauerhafte normale Handelsbeziehungen. Auf die Frage nach einer Aufhebung antwortete Rubio in Samarkand knapp: „Das müssen Sie den Kongress fragen.“ Für die Region ist das Signal dennoch klar. Washington kauft sich mit Kapital und Technologie in den Rohstoff- und Logistiksektor Zentralasiens ein, Taschkent nutzt das als Hebel für seine Industrialisierung. Beide Seiten planen bereits ein gemeinsames Wirtschaftsprogramm bis 2035. Rubio formulierte den Anspruch so: „Das ist nicht das Ende, das ist der Anfang.“
Quelle: Kursiv Uzbekistan, Times of Central Asia, UzDaily, Euronews, Spot.uz (alle EN)


