← Startseite
Home/ Russland/ Ist die Senkung der Wachstumsprognosen für Russland jetzt im „Endstadium“?
Ist die Senkung der Wachstumsprognosen für Russland jetzt im „Endstadium“?
Russland · 15.06.2026

Ist die Senkung der Wachstumsprognosen für Russland jetzt im „Endstadium“?

Viele Prognosen für Russlands diesjähriges Wirtschaftswachstum werden derzeit noch weiter gesenkt.


Autor: Klaus Dormann


Viele Prognosen für Russlands diesjähriges Wirtschaftswachstum werden derzeit noch weiter gesenkt. Fast alle bleiben jedoch höher als die Prognose der russischen Regierung. Sie wurde am 12. Mai überraschend stark von 1,3 auf nur noch 0,4 Prozent gesenkt. Damit setzte sich die Regierung an den unteren Rand der Skala der Prognosen von Internationalen Wirtschaftsorganisationen, Forschungsinstituten und Banken für das Wachstum der russischen Wirtschaft im Jahr 2026. Ein sehr ungewohntes Bild. Meistens zeichnen Regierungen doch ein möglichst positives Bild der Entwicklung ihrer Volkswirtschaften. Zudem wird der russischen Regierung häufig vorgeworfen, ihre Statistiken stellten die Wirtschaftslage besser dar als sie wirklich ist.

Zentralbank-Umfrage: Die Analysten erwarten mehr Wachstum als die Regierung

Die von der russischen Zentralbank vor ihren Leitzinsentscheidungen regelmäßig befragten Analysten erwarten in diesem Jahr im Mittelwert jetzt auch mehr Wachstum als die Regierung. Anfang April hatten sie noch damit gerechnet, dass die russische Wirtschaft in diesem Jahr wie bereits 2025 um 1,0 Prozent wächst. Jetzt gehen sie laut der in der letzten Woche veröffentlichten Umfrage davon aus, dass sich das Wachstum des realen Bruttoinlandsprodukts 2026 auf 0,7 Prozent abschwächt. Im nächsten Jahr erwarten die rund 35 Umfrage-Teilnehmer, darunter auch einige ausländische, aber weiterhin eine Beschleunigung des Wachstums auf 1,5 Prozent. Die russische Regierung erwartet dann zwar eine deutliche Erholung des Wachstums von 0,4 auf 1,4 Prozent. Sie bleibt damit aber auch im nächsten Jahr noch knapp unter dem „Konsens“ der Analysten in der Zentralbank-Umfrage.

Noch weniger Wachstum als die russische Regierung erwartet inzwischen jedoch das „Kiel Institut für Weltwirtschaft“ in Russland. In seiner in der letzten Woche veröffentlichten „Sommerprognose“ senkte es seine Russland-Prognose für das laufende Jahr auf nur noch 0,2 Prozent Wachstum. 2027 werde Russlands BIP-Anstieg lediglich auf 0,5 Prozent anziehen. Das Berliner DIW und das Institut für Wirtschaftsforschung Halle prognostizieren hingegen, dass die russische Wirtschaft 2026 wie 2025 um ein Prozent wächst.

BIP-Prognosen für Russland 2024 bis 2027
Veränderung des realen Bruttoinlandsprodukts gegenüber dem Vorjahr in Prozent

Die Weltbank senkt ihre Wachstumsprognosen für Russland nicht weiter

Die Weltbank hat ihre Prognosen für das Wachstum der russischen Wirtschaft bereits Anfang April gesenkt. In ihren jetzt veröffentlichten „Global Economic Prospects“ bleibt sie unverändert dabei, dass sich Russlands Wirtschaftswachstum 2026 auf 0,8 Prozent und 2027 noch etwas weiter auf 0,7 Prozent abschwächt. Sie erwartet im nächsten Jahr – anders als die Regierung und die Analysten – also keine Beschleunigung des Wachstums.

Das Basisszenario der Weltbank geht davon aus, dass die „akuteste Phase“ der Störungen im Rohstoffhandel im Juli endet und sich die Zahl der Schiffsdurchfahrten durch die Straße von Hormus in der zweiten Jahreshälfte so deutlich erholt, dass die weltweite Energieversorgung allmählich wieder so gut wie vor der Krise funktioniert.

In Russland dürften die Auswirkungen des Nahostkonflikts auf die Wirtschaftstätigkeit nach Einschätzung der Weltbank begrenzt sein. Die Weltbank erwartet, dass die russische Regierung zusätzliche Öleinnahmen hauptsächlich zur Haushaltskonsolidierung verwendet.

Die Zentralbank bleibt für 2026 bei ihrer „Wachstums-Spanne“ von 0,5 bis 1,5%

Die russische Zentralbank erwartet laut ihrer „Mittelfristigen Prognose“ vom 24. April, dass Russlands BIP-Wachstum im Jahr 2026 zwischen +0,5 % und +1,5 % liegen wird. Laut dem „Kalender“ der Zentalbank wird diese Prognose anlässlich der nächsten Leitzinsentscheidung am Freitag nicht erneut aktualisiert, sondern erst am 24. Juli. Nach der Senkung der Wachstumsprognose der Regierung für 2026 auf nur noch +0,4 Prozent ist vor allem interessant, ob die Zentralbank der Einschätzung der Regierung folgt und  ihre Prognosespanne in Richtung „Null-Wachstum“ auf eine Spanne von +0,0 bis +1,0 senken wird.

Der Stellvertretende Präsident der Zentralbank, Alexej Zabotkin, machte wohl auch deswegen in einem am 11. Juni veröffentlichten Vedomosti-Interview aber klar: „Die Ergebnisse des ersten Quartals geben keinen Anlass, unsere Prognose für das Gesamtjahr zu ändern.“ Er fügte hinzu, dass die Zahlen für Januar und Februar durch „einmalige Faktoren“ erheblich verzerrt worden seien, und zwar durch weniger Arbeitstage als im Vorjahr, den ungewöhnlich kalten Winter mit starken Schneefällen sowie das Vorziehen vieler Käufe langlebiger Güter ins Jahr 2025, weil Anfang 2026 die Mehrwertsteuer erhöht wurde.

Insgesamt entspricht, so Zabotkin, die aktuelle Konjunkturentwicklung dem Szenario der Zentralbank, das von einer schrittweisen Rückkehr der Wirtschaft zu niedriger Inflation und einem ausgewogenen Wachstum ausgeht. Zabotkin fügte hinzu, die Anfang Juni veröffentlichten April-Daten hätten bei vielen Indikatoren positive jährliche Trends bestätigt (1Prime.ru)..

Zentralbank: Der BIP-Rückgang im ersten Quartal wird jetzt ausgeglichen

Zur BIP-Entwicklung im ersten Quartal 2026 meldete dpa-AFX unter anderem:

Die russische Wirtschaft ist im ersten Quartal zum ersten Mal seit Anfang 2023 geschrumpft. Das Bruttoinlandsprodukt sank laut Rosstat um 0,2 Prozent gegenüber dem entsprechenden Vorjahresquartal. Im vierten Quartal 2025 war die Wirtschaft noch um 1,0 Prozent gewachsen.

In der folgenden Abbildung aus dem Bulletin der russischen Zentralbank zu aktuellen Konjunkturtrends („What the trends say“) zeigt die gestrichelte blaue Linie den leichten Rückgang des Indexes des realen Bruttoinlandsprodukts im ersten Quartal 2026 im Vergleich zum ersten Quartal 2025.

Der Verlauf der roten Linie macht deutlich, wie stark die Produktion in den sogenannten „Kernbereichen“ der russischen Wirtschaft am Jahresende 2025 und in den ersten vier Monaten des Jahres 2026 schwankte (Kernbereiche sind: Industrie, Landwirtschaft, Bauwesen, Gütertransport sowie Groß- und Einzelhandel). Im April 2026 lag die Produktion der „Kernbereiche“ der Wirtschaft laut Berechnungen der Zentralbank um 0,8 % über dem Durchschnittsniveau im 1. Quartal. Im Vergleich zum April des Vorjahres ist sie laut Rosstat um 1,7 % gestiegen (Finmarket.ru).

Monatliche Entwicklung der Produktion der „Kernbereiche“ (rote Linie)
und vierteljährliche Entwicklung des realen Bruttoinlandsprodukts (blaue Striche); 
Indizes 4. Quartal 2021 = 100

Quellen: Rosstat, Berechnungen der Zentralbank
Russische Zentralbank: „Was die Trends sagen“, 09.06.26

Die Forschungs- und Prognoseabteilung der russischen Zentralbank erwartet, dass der leichte Produktionsrückgang im ersten Quartal im zweiten Quartal ausgeglichen wird, u.a. aufgrund der höheren Zahl von Arbeitstagen. Den Ergebnissen von Unternehmensbefragungen zufolge habe die Wirtschaftsaktivität im April und Mai im Vergleich zum ersten Quartal zugenommen (Finmarket.ru).

In einer Pressemitteilung stellt die Zentralbank fest, die Verbrauchernachfrage wachse angesichts des anhaltend starken Anstiegs der Einkommen weiter. Der Staatshaushalt leiste weiterhin einen wesentlichen Wachstumsbeitrag. Auch die mit den Leitzinsen gesunkenen Kreditzinsen würden die Wirtschaftsaktivität stützen.

DIW und IWH erwarten 2026 deutlich mehr Wachstum als das Kiel Institut

In der letzten Woche veröffentlichten drei der fünf führenden deutschen Konjunkturforschungsinstitute ihre „Sommerprognosen“ für Deutschland und die Weltwirtschaft. Die Einschätzungen der Institute zur Entwicklung der gesamtwirtschaftlichen Produktion in Russland fielen erneut recht unterschiedlich aus.

Besonders skeptisch sieht das „Kiel Institut für Weltwirtschaft“ Russlands Wachstumsperspektiven. Es senkte seine Prognose für Russlands diesjähriges Wachstum deutlich. Das IfW rechnet jetzt für 2026 nur noch mit einem sehr schwachen Produktionsanstieg von 0,2 Prozent. Im März hatte es in seiner „Frühjahrsprognose“ noch erwartet, dass Russland seine 2025 auf 1,0 Prozent gesunkene Wachstumsrate in diesem Jahr halten kann. Auch Russlands Wachstumsaussichten für 2027 schätzt das Kieler Institut relativ pessimistisch ein: Es blieb bei seiner Frühjahrsprognose von 0,5 Prozent.

Das „Institut für Wirtschaftsforschung Halle“ erwartet hingegen, dass die russische Wirtschaft in den Jahren 2026 und 2027 weiterhin um rund 1 Prozent wächst. Damit hat es seine Frühjahrsprognose für 2026 nur um 0,1 Prozentpunkte gesenkt. Seine Wachstumsprognose für 2027 erhöhte das IWH sogar etwas von 1,0 auf 1,2 Prozent.

Das Berliner „Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung“ halbierte hingegen jetzt seine Frühjahrsprognose für Russlands Wachstum im Jahr 2027 fast auf nur noch 0,6 Prozent. Im laufenden Jahr sieht das DIW die russische Wirtschaft aber wie das Institut in Halle erneut um 1,0 Prozent wachsen. Das Essener RWI wird seine Sommerprognose am 16. Juni, das Münchner ifo-Institut seine Prognose am 18. Juni veröffentlichen.

Die folgende Tabelle zeigt zum Vergleich unten die Frühjahrsprognosen der Institute.

BIP-Prognosen für Russland 2024 bis 2027
Veränderung des realen Bruttoinlandsprodukts gegenüber dem Vorjahr in Prozent

IfW Kiel: Russlands Öl- und Gasinfrastruktur wurde „empfindlich“ getroffen

Das Kieler Institut erläutert in seiner „Sommerprognose“ nicht näher, warum es Russlands Wachstumsperspektiven noch skeptischer beurteilt als die große Mehrheit der Analysten. Es verweist in der Prognose lediglich auf „empfindliche Schäden“ an der Öl- und Gasinfrastruktur in Russland durch Angriffe der Ukraine:

„Russland hat zunehmend Probleme, das gesamtwirtschaftliche Produktionsniveau zu halten, auch weil es der Ukraine immer wieder gelingt, die Öl- und Gasinfrastruktur empfindlich zu treffen. Aufgrund zahlreicher Schäden an Raffinerien und Tanklagern musste mangels Verarbeitungs- und Lagerkapazitäten offenbar die Rohölförderung inzwischen reduziert werden, und regional treten vermehrt Treibstoffengpässe auf.“

Gleichzeitig weist das IfW aber darauf hin, dass die russischen Ölexporte stiegen, obwohl die Produktion zurückgefahren wurde, weil aufgrund von Schäden an Raffinerien und Tanklagern durch ukrainische Drohnenangriffe die Verarbeitung von Öl im Inland deutlich reduziert werden musste.

Die folgende Titelseite des Anfang Juni erschienenen „Russia Chartbook“ der Kiewer „School of Economics“ zeigt links, dass sich Russlands Einnahmen aus dem Ölexport im März und April 2026 gegenüber Februar etwa verdoppelt haben. Das in den ersten vier Monaten im Bundeshaushalt aufgelaufene Defizit war 2026 weit höher als in den Vorjahren (rechte Abbildung; schwarze Linie).

Kyiv School of Economics:
Russlands Budgetdefizit wächst weiter – trotz Energy Windfall

Kyiv School of Economics Institute: Russia Chartbook, May 2026; 02.06.26

Neuer „Kiel Report“: „Endgame: The State of the Russian Economy“

Mit der Sommerprognose veröffentlichte das IfW auch einen in Zusammenarbeit mit dem „Stockholm Institute of Transition Economics“ erstellten neuen „Kiel Report“ mit dem Titel „Endgame: The State of the Russian Economy.“

Das IfW stellt ihn in einer Pressemitteilung so vor:

„Vier Jahre nach Russlands großangelegter Invasion in der Ukraine zeigt die russische Wirtschaft deutliche Anzeichen struktureller Erschöpfung. Die Hinweise darauf, dass sich die russische Wirtschaft im Endstadium befindet, verdichten sich. …

Der Kiel Report „Endgame: The State of the Russian Economy“, verfasst von führenden internationalen Expertinnen und Experten zur russischen Wirtschaft, kommt zu dem Schluss, dass Moskaus fiskalische Reserven weitgehend aufgebraucht sind. Damit eröffnet sich die Möglichkeit für ein entschlossenes Handeln des Westens.

„In den ersten Jahren des Krieges gegen die Ukraine hat sich die russische Wirtschaft als widerstandsfähiger erwiesen, als viele erwartet hatten, doch nun sind die Reserven aufgebraucht“, sagt Moritz Schularick, Präsident des Kiel Instituts für Weltwirtschaft und Co-Autor des Überblickskapitels des Berichts. „Die wirtschaftlichen Grundlagen haben sich deutlich abgeschwächt. Die fiskalischen Reserven sind weitgehend aufgebraucht, das Wachstum ist zum Stillstand gekommen, und die Abhängigkeit von China wird immer ausgeprägter. Gleichzeitig dürften höhere Ölpreise infolge des Krieges am Golf vermutlich nur vorübergehende fiskalische Effekte haben“, warnt Schularick.“

Zur Entwicklung der russischen Staatsfinanzen stellt der „Kiel Report“ u.a. fest:

Die liquiden Vermögenswerte des russischen Staatsfonds sind von 6,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts zu Kriegsbeginn auf nur noch 1,8 Prozent im April 2026 geschrumpft. Gleichzeitig hat das Defizit des Bundeshaushalts bereits in den ersten drei Monaten das für das gesamte Jahr angestrebte Ziel der Regierung unter Präsident Wladimir Putin überschritten. Zudem brachen die Öl- und Gaseinnahmen im ersten Quartal dieses Jahres im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 45 Prozent ein.

IfW-Präsident Professor Schularick: „Das Endstadium von Russlands Kriegswirtschaft hat begonnen“; „Sie haben einfach kein Geld mehr“

Im „Politico Berlin Playbook Podcast“ erläuterte der Präsident des IfW Kiel, Professor Moritz Schularick, im Gespräch mit Rixa Fürsen die Ergebnisse des Kiel Reports ausführlich (Titel des Podcasts: „Russland vor dem Kollaps“). Kernthese des Kiel Reports ist laut Schularick, dass „das Endstadium von Putins Kriegswirtschaft“ begonnen habe. Zusammengefasst sagte er dazu (ab Min. 4):

Wir machen unsere Kernthese, dass das Endstadium von Putins Kriegswirtschaft

begonnen hat, vor allem daran fest, dass er bisher die Möglichkeit hatte, den Krieg über einen nationalen Vermögensfonds, in dem letztlich die russischen Öl- und Gaseinnahmen aus den Vorjahren geparkt sind, zu finanzieren. Dieser Fonds ist jetzt mehr oder weniger aufgebraucht. Das im russischen Staatshaushalt für das gesamte Jahr 2026 eingeplante Defizit wurde schon im ersten Quartal überschritten. Also, sie haben einfach kein Geld mehr.

Zudem haben russische Banken – auf „Bitten“ der Regierung – in großem Umfang Kredite an den Rüstungsbereich vergeben. Die „implizite“ Staatsverschuldung Russlands ist damit auf ungefähr 50 Prozent des Bruttoinlandsprodukts gestiegen, während sie „offiziell“ bei knapp 20 Prozent liegt. Langsam, aber sicher kommt Russland damit bei der Staatsverschuldung in eine Größenordnung, bei der die eigene Bevölkerung dem russischen Staat in der Vergangenheit nicht mehr so ohne weiteres Geld geliehen hat.

Langsam aber sicher schließt sich die Tür, und dann muss Putin sehr unangenehme Dinge machen. Er muss entweder sagen, wir kürzen jetzt wirklich an anderer Stelle massiv im Staatshaushalt. Das macht die Bevölkerung vielleicht auch mit, aber es macht Putin sicherlich nicht populärer.

Oder er sucht einen Ausweg aus dem Krieg, weil ihm klar ist, dass er ökonomisch diesen Krieg nicht gewinnen kann, zumindest solange die Europäer geschlossen hinter der Ukraine stehen.

Janis Kluge will aktuell aber nicht von einer „Krise“ der Wirtschaft sprechen

Das IfW sieht in seiner Pressemitteilung, aber auch in der Executive Summary von Torbjörn Becker und Moritz Schularick, also immer mehr Hinweise, dass sich die russische Wirtschaft „im Endstadium“ befindet. Viele Medien berichteten dazu, laut dem Kiel Report stehe die russische Wirtschaft kurz vor dem „Kollaps“.

Demgegenüber meinte Janis Kluge, Experte der Berliner „Stiftung Wissenschaft und Politik“, kürzlich in einem NDR-Interview, er wolle aktuell nicht von einer „Krise“ der russischen Wirtschaft sprechen, die Wirtschaft stagniere aber (Minute 3:15). Anlässlich des Wirtschaftsforums in St. Petersburg beschrieb Kluge die Entwicklung der russischen Wirtschaft zusammengefasst unter anderem so:

Die Wirtschaft hat sich in den letzten ein bis zwei Jahren auf jeden Fall abgekühlt. Es gab vorher einen Boom, der durch die Rüstungsausgaben entstanden ist. Diesen Boom gibt es nicht mehr. Die Wirtschaft „stagniert“ jetzt.

Und es gibt ein Loch im Staatshaushalt, das aktuell immer größer wird. In dieser Hinsicht hilft natürlich der Krieg im Iran Russland. Die Energiepreise sind jetzt so hoch, dass Russland mehr Einnahmen hat als letztes Jahr. Aber die Finanzierung des Krieges wird schwieriger.

Es wird auch schwieriger, Soldaten für diesen Krieg zu rekrutieren. Und die Ukraine schafft es immer häufiger, mit weitreichenden Drohnen beispielsweise Raffinerien in Russland anzugreifen. Wenn über längere Zeit viele Raffinerien in Russland angegriffen werden, dann werden natürlich Kraftstoffe knapp werden, vor allem Benzin. Es kann noch in diesem Sommer wieder dazu kommen, dass Benzin knapp wird. Das spürt dann auch die Bevölkerung, weil sie dann nur noch 10 oder 15 Liter tanken darf.

Kluge: Es gibt keinen zwingenden Grund für ein „Kollabieren“ der Wirtschaft

In einem prägnanten Vortrag im Marburger Rathaus nahm Janis Kluge auf Einladung der zur Unterstützung der Ukraine gegründeten Bürgerinitiative „Zeitenwende Marburg“ im Mai ausführlich zur Entwicklung der russischen Wirtschaft Stellung: Unter dem Titel „Krieg, Öl und Sanktionen – Wie stark ist Russlands Wirtschaft wirklich?“ analysierte Kluge vor allem die Wirksamkeit der Sanktionen (Video).

Auch in diesem Vortrag wies er auf die „Abkühlung“ der Konjunktur in Russland hin. Damit entstünden auch Risiken. Die Nachfrage gehe zurück, die Steuerbasis schrumpfe. Eine Abkühlung der Konjunktur sei generell ein Prozess aus dem eine große Krise erwachsen könne. Kluge betonte aber gleichzeitig:

„Ich glaube, es ist ganz wichtig festzuhalten: Es gibt keinen zwingenden Grund dafür, dass die russische Wirtschaft an irgendeinem Punkt kollabiert.“ (Minute 50:40).

Fast allen Russen geht es heute wirtschaftlich besser als vor dem Krieg

Russlands Wirtschaftssystem kann laut Kluge trotz der Belastung durch den Krieg, dauerhaft so wie jetzt funktionieren. Es gebe Beispiele von Staaten, die über deutlich längere Zeit deutlich höhere Anteile ihrer Ausgaben für das Militär verwendeten als aktuell Russland, zum Beispiel Israel in den 90er Jahren.

Wenn man die Verlangsamung des Wachstums in Russland jetzt als „Krise“ bezeichne, muss man laut Kluge folgendes im Hinterkopf behalten:

„Die Arbeitslosigkeit ist weiterhin minimal. Das ist quasi weiterhin Vollbeschäftigung. Und die Löhne sind in den letzten Jahren sehr stark gestiegen. Das heißt, …die Bevölkerung hat sehr stark profitiert in den letzten Jahren, denn fast allen Russen geht es heute wirtschaftlich besser als vor Beginn der Vollinvasion.“

Bisher sind die Schulden „keine harte Grenze“ für eine Fortsetzung des Krieges

Zur aktuellen Entwicklung der russischen Staatsfinanzen sagte Kluge in seinem Vortrag zusammengefasst (Min. 48):

Im letzten Jahr und noch mehr in diesem Jahr gibt es ein größeres Defizit im russischen Staatshaushalt. Im letzten Jahr erreichte es im Haushalt des Gesamtstaates rund 4% des Bruttoinlandsproduktes. Es ist also nicht extrem hoch, zum Beispiel im Vergleich mit den USA, wo es vielleicht eher bei 7% liegt.

Allerdings ist die Verschuldung extrem teuer für den russischen Staat. Denn die Zinsen sind sehr hoch. Das heißt, der russische Staat zahlt für seine inzwischen auf rund 20% des BIP angewachsene Verschuldung deutlich mehr als der deutsche Fiskus. Die Verschuldung ist also schon „ein Thema“, auch wenn sie insgesamt noch relativ gering ist und keine „harte Grenze“ für eine Fortsetzung des Krieges darstellt.

Auf unabsehbare Zeit kann dieser schuldenfinanzierte Krieg allerdings natürlich nicht fortgesetzt werden. Er führt inzwischen nicht mehr zu mehr Wachstum, weil die Kapazitäten ausgelastet sind. Es gibt vielfach einen Mangel an Arbeitskräften. Die 

Wirtschaft hat sich in den letzten Jahren „überhitzt“. Die Preise wurden nach oben getrieben, es entstand Inflation.

Das Wachstum der russischen Wirtschaft ist ein „gewissermaßen ungesundes Wachstum“. Die Zentralbank war gezwungen, die Zinsen sehr stark zu erhöhen, um die Wirtschaft wieder abzubremsen. Was wir gerade an Krisensymptomen sehen, die Verlangsamung des Wachstums, ist vor allen Dingen eine Folge dieser extrem hohen Zinsen, die die Inflation senken sollen.

Goldman Sachs: 2026 sinkt das Wachstum trotz höherer Ölpreise auf 0,9 Prozent

Einen Überblick über die aktuelle Konjunkturentwicklung in Russland veröffentlichte in der letzten Woche Clemens Grafe, Analyst der Bank Goldman Sachs. asatunews berichtete dazu zusammengefasst:

Die internationalen Terminkontrakte der Preise für die Ölsorte Brent notierten zuletzt zwar bei etwa 92 US-Dollar pro Barrel. Das entspricht einem Zuwachs von rund 30 Prozent seit Beginn des Iran-Krieges.

Ölpreisentwicklung: Brent- und Urals-Öl
in US-Dollar/Barrel (rechte Skala);
Differenz Brent-Preis minus Urals-Preis (linke Skala)

VEB-Institut: Weltwirtschaft und Märkte für den Zeitraum vom 5. Juni bis 11. Juni 2026

Von diesem Ölpreisanstieg profitieren die russischen Staatseinnahmen massiv. Jeder Preisanstieg beim russischen Ölexport um zehn Dollar generiert rund 21 Milliarden Dollar an zusätzlichen Staatseinnahmen.

Das führt jedoch nicht zu einem nachhaltigen wirtschaftlichen Aufschwung. Laut Clemens Grafe verfügt die russische Wirtschaft über kaum Spielraum für ein schnelleres Wachstum. Die Zahl der verfügbaren Arbeitskräfte ist im Zuge des Ukraine-Kriegs durch den Militärdienst und die Auswanderung um schätzungsweise zwei Millionen geschrumpft. Zusätzliche Liquidität führt, so Grafe, wegen des akuten Arbeitskräftemangels und der nachlassenden Produktivität nicht zur Produktion von mehr Waren oder Dienstleistungen.

Für das laufende Jahr 2026 erwartet Goldman Sachs in Russland ein Wachstum der Wirtschaft von 0,9 Prozent, nachdem die Rate 2025 noch bei einem Prozent lag.

Wegen des Ölpreisanstieg verdoppelt sich aber voraussichtlich der Überschuss in der Leistungsbilanz des Landes von 1,7 Prozent des Bruttoinlandsprodukts im Jahr 2025 auf 3,2 Prozent im Jahr 2026.

Das Wiener OPEC-Sekretariat bleibt im „Monthly Oil Market Report“ bei seiner Prognose, dass sich Russlands Wirtschaftswachstum wegen der Verbesserung der Lage im Außenhandel 2026 auf 1,3 Prozent beschleunigen dürfte.

Ergebnisse der Zentralbank-Umfrage für Inflation, Leitzins und Wachstum

Die russische Zentralbank führte rund 2 Wochen vor ihrer nächsten Leitzinsentscheidung am 19. Juni wieder eine Analysten-Umfrage durch (Survey Calendar). Die Umfrage fand vom 05. bis 09. Juni statt, also zeitgleich und kurz nach dem Internationalen Wirtschaftsforum in Sankt Petersburg, auf dem Präsident Putin und Mitglieder der russischen Regierung zur Entwicklung der russischen Wirtschaft Stellung nahmen.

Ergebnisse der Zentralbank-Umfrage vom 05. bis 09.06.2026 
(in Klammern Ergebnisse der April-Umfrage)

Russische Zentralbank: Macroeconomic survey of the Bank of Russia, 10.06.26 (Auszug)

Die Wachstumsprognose der Analysten für 2026 ist merklich gesunken

Verändert hat sich bei der Umfrage der Zentralbank vor allem die Einschätzung des diesjährigen Wachstums der russischen Wirtschaft. Nachdem die russische Regierung ihre Wachstumsprognose für 2026 auf 0,4 Prozent gesenkt hat, rechnen jetzt auch die Teilnehmer der Umfrage mit weniger Wachstum. Der Mittelwert ihrer Prognosen für den diesjährigen Anstieg des realen Bruttoinlandsprodukts sank von 1,0 auf 0,7 Prozent. Im nächsten Jahr erwarten die Teilnehmer der Umfrage weiterhin eine Beschleunigung des Anstiegs der gesamtwirtschaftlichen Produktion auf 1,5 %.

Reales Bruttoinlandsprodukt
Veränderung gegenüber Vorjahr in Prozent

Russische Zentralbank:  Macroeconomic survey of the Bank of Russia,10.06.26

Die Analysten erwarten 2026 jetzt einen etwas rascheren Inflationsrückgang

Der Anstieg der Verbraucherpreise wird sich nach Einschätzung der Analysten von 8,7 % im Jahresdurchschnitt 2025 auf 5,4 % im Jahresdurchschnitt 2026 vermindern. Dazu könnte das erwartete schwächere Wirtschaftswachstum beitragen. Im April hatten die Umfrage-Teilnehmer für den Jahresdurchschnitt 2026 noch eine etwas höhere Inflationsrate von 5,6 % im Jahresdurchschnitt erwartet.

Gleichzeitig blieb ihre Einschätzung der Entwicklung des Leitzinses in der jüngsten Umfrage aber unverändert. Sie erwarten, dass der Leitzins im Jahresdurchschnitt 14,1 Prozent betragen wird, also rund 5 Prozentpunkte niedriger sein wird als 2025.

Die folgende Abbildung der Zentralbank zeigt, wie sich die Inflationsrate laut der Analysten-Umfrage am Jahresende entwickeln dürfte. Die von der Zentralbank angestrebte Inflationsrate von 4,0 Prozent wird im Mittelwert der Einschätzungen der Umfrage-Teilnehmer erst Ende 2028 erreicht werden (dunkelrote Linie). Im Dezember 2026 werden die Verbraucherpreise laut der Umfrage noch um 5,3 Prozent steigen. Auch Ende 2027 wird das Inflationsziel laut der Umfrage mit einem Preisanstieg von 4,4 Prozent noch nicht erreicht.

Verbraucherpreisindex
Anstieg Dezember gegenüber Dezember des Vorjahres in %

Russische Zentralbank:  Macroeconomic survey of the Bank of Russia,10.06.26


Lesetipps:

Deutsch-Russische Auslandshandelskammer
Analysen, deutsch; auch russisch; (Auswahl):

Konjunkturprognosen: Sommerprognosen der deutschen Institute

Weitere Prognosen

Berichte zum Kiel Report: „Endgame: Russlands Wirtschaft unter Druck“

Aktuelle Wirtschaftsentwicklung; Konjunkturdaten April, Mai, Juni

Finanzpolitik; Staatshaushalt und Ölpreise

Geldpolitik: Wirtschaft vor dem nächsten Leitzinsentscheid am 19. Juni

Außenwirtschaft

Haushaltsdefizit Russland 2026 Russland BIP Q1 2026 Russland Haushalt Russland Inflation Zentralbank Russland Prognose 2026 Russland Rezession Risiko Russland Wirtschaft 2026
LinkedIn X
Mehr aus RusslandKuratierte Auswahl
Russland · 14.07.2026 Russlands Banken: Rekordgewinn, Kreditkrise und Bankenschwund
Russland · 13.07.2026 Russlands Wirtschaft wächst weiter um 1 Prozent – bekräftigt der IWF
Russland · 06.07.2026 Auch das wiiw senkt seine BIP-Prognose 2026 für Russland noch weiter