Zentralasien-Kolumne „Steppe Ahead“
Die Weltbank hebt ihre Wachstumsprognose für Kirgisistan um 3,5 Punkte auf 9,6 % für 2026 an. Kein anderes Land in Europa und Zentralasien wächst laut der neuen Prognose schneller. Die Zahl steht im Regionalbericht der Weltbank vom 6. Oktober. Im Frühjahr hatte die Bank dem Land erst 6,1 % zugetraut. Von Januar bis August wuchs die Wirtschaft des Landes bereits um 11 %.
Anhebung um 3,5 Punkte: Konsum und Staatsinvestitionen treiben
Im April hatte die Weltbank Kirgisistan noch 6,1 % zugetraut. Jetzt erwartet sie 9,6 % für 2026 und 7,3 % für 2027. Auch die Prognose für 2027 stieg damit, um 1,5 Punkte. Das kirgisische Nachrichtenportal Kaktus.media berichtete am 6. Oktober über die neuen Werte. Der Kontrast zur Gesamtregion ist groß. Für Europa und Zentralasien insgesamt erwartet die Weltbank 2026 nur 2,2 % Wachstum, nach 2,6 % im Vorjahr. Zentralasien bleibt mit 5,8 % die schnellste Subregion. Usbekistan folgt mit 7,9 % auf Rang zwei hinter Kirgisistan. Kasachstan, die größte Volkswirtschaft Zentralasiens, drückt den Schnitt der Subregion. Schon im April verwies die Weltbank auf die sich stabilisierende kasachische Ölförderung. Die Gesamtregion bremsen laut Weltbank höhere Energiepreise, gewachsene Unsicherheit und schwache Handelspartner. Stützend wirken steigende Reallöhne, Rücküberweisungen, Tourismus und öffentliche Investitionen. In Kirgisistan überwiegen die stützenden Kräfte deutlich. Als Treiber nennt die Weltbank den starken privaten Konsum. Dazu kommen höhere staatliche Investitionen in Verkehr und Energie. Zusätzlichen Schub gibt der Bau. Die Vorarbeiten am Wasserkraftwerk Kambar-Ata-1 laufen, ebenso die Vorbereitung der Bahnstrecke China-Kirgisistan-Usbekistan.
11 % Plus in acht Monaten: Die Daten stützen den Optimismus
Von Januar bis August wuchs die kirgisische Wirtschaft um 11 %. Das Bruttoinlandsprodukt erreichte 1,39 Billionen Som, umgerechnet rund 15,9 Mrd. US-Dollar. Die Zahlen nannte Ministerpräsident Adylbek Kasymaliew Anfang Oktober im Kabinett, wie die aserbaidschanische Nachrichtenagentur Trend berichtet. „Das stetige Wachstum der Wirtschaft der Republik setzt sich fort“, sagte Kasymaliew demnach. Schon 2025 hatte Kirgisistan um 11,1 % zugelegt. Hält das Tempo, erreicht das Bruttoinlandsprodukt 2026 erstmals rund 2,09 Billionen Som. Das entspricht etwa 23,9 Mrd. US-Dollar, rechnet Trend vor. Der IWF beschreibt die Basis des Aufschwungs in seinem Länderbericht vom April. Seit 2022 tragen demnach Handelsströme, Rücküberweisungen, Kapitalzuflüsse und eine kräftige Bautätigkeit das Wachstum. Der Staat stützt den Bau mit hohen Ausgaben. Auffällig ist die Streuung der Prognosen. Die EBRD erwartet für 2026 ein Plus von 8,7 %. Die Eurasische Entwicklungsbank rechnete im August sogar mit 10,2 %, der IWF zuletzt nur mit 6,1 %. Das regionale Nachrichtenportal Times of Central Asia erklärt die Spanne mit unterschiedlichen Annahmen. Der IWF kalkuliert ein, dass der Schub aus dem Re-Export-Handel mit China nachlässt. Die Entwicklungsbanken setzen dagegen auf anhaltend hohe Investitionen in Industrie, Energie und Wohnungsbau.
Inflation bei 15 %: Der Boom hat seinen Preis
Die Kehrseite des Tempos ist der Preisauftrieb. Die kirgisische Nationalbank erwartet laut Kaktus.media bis Jahresende rund 15 % Inflation. Der IWF sah bereits im April Zeichen einer Überhitzung: schnelles Kreditwachstum, kräftige Lohnsteigerungen, hohe Liquidität. Nach drei Jahren mit Überschüssen rutscht der Staatshaushalt 2026 ins Defizit. Als Gründe nennt der IWF höhere Löhne im öffentlichen Dienst und steigende Investitionen. Dazu kommt die Abhängigkeit vom wichtigsten Exportgut. „Die hohe Konzentration auf Gold macht die Wirtschaft anfällig für Schwankungen der Rohstoffpreise“, schreibt der IWF in seinem Länderbericht. Fällt der Goldpreis, geraten Exporterlöse und Währungsreserven zugleich unter Druck. Ein zweites Risiko sieht der IWF im Handel. Kirgisistan lebt stark vom Re-Export chinesischer Waren in die Nachbarschaft. Kehrt sich dieser Strom um, fehlt ein zentraler Wachstumsmotor. Der Fonds empfiehlt deshalb Vorsorge: Ausnahmen bei der Mehrwertsteuer abbauen, Energiesubventionen schrittweise senken, weniger verbilligte Kredite über Staatsbanken vergeben. Den Bankensektor stuft der IWF als stabil und gut kapitalisiert ein. Der Anteil fauler Kredite ist aber hoch. Für die Region hat der Spitzenplatz dennoch Gewicht. Kirgisistan zeigt, dass Großprojekte wie Kambar-Ata-1 und die China-Bahn schon in der Bauphase Wachstum erzeugen. Die Weltbank erwartet für 2027 eine Abkühlung auf 7,3 %. Auch damit läge Kirgisistan noch weit vor dem Regionalschnitt. Bleibt die Inflation aber zweistellig, schrumpfen die realen Einkommen. Dann müsste die Nationalbank die Zinsen weiter straffen, und der Boom verlöre an Kraft.
Quelle: Weltbank, Trend, IWF, Times of Central Asia (EN) Kaktus.media (RU)


