Zentralasien-Kolumne „Steppe Ahead“
Kasachstans Leistungsbilanz weist für das erste Halbjahr 2026 einen Überschuss von 2,4 Mrd. US-Dollar aus. Im Vorjahreszeitraum stand dort noch ein Defizit von 3,6 Mrd. US-Dollar, der Umschwung beträgt damit 6 Mrd. US-Dollar. Die Nationalbank in Astana veröffentlichte die Zahlen am 30. September. Haupttreiber sind Warenexporte von 48,5 Mrd. US-Dollar, ein Plus von 27,1 % gegenüber rund 38 Mrd. US-Dollar im ersten Halbjahr 2025. Die Leistungsbilanz bündelt Warenhandel, Dienstleistungen und Einkommensströme mit dem Ausland und gilt als zentraler Gradmesser für die Außenposition einer Volkswirtschaft.
Exporte wachsen gut viermal so schnell wie Importe
Das kasachische Wirtschaftsportal Kapital.kz zitiert Asat Uskenbajew, Direktor der Zahlungsbilanz-Abteilung der Nationalbank: „Eine positive Dynamik zeigt sich bei mehr als 80 % der Warenpositionen.“ Laut Nationalbank trieben vor allem höhere Weltmarktpreise für Öl, Uran, Metalle, Erze und Getreide die Ausfuhren. Das sind exakt die Rohstoffe, die Kasachstans Exportkorb dominieren. Beim Getreide kommt eine starke Ernte hinzu: Bis Ende September fuhren die Betriebe 19,9 Mio. Tonnen ein, schneller als im Rekordjahr 2024, wie diese Kolumne zuletzt berichtete. Die Importe legten im selben Zeitraum nur um 6,2 % auf 32,3 Mrd. US-Dollar zu. Der Überschuss im Warenhandel erreichte damit rund 16 Mrd. US-Dollar, mehr als doppelt so viel wie ein Jahr zuvor. Den Ausschlag gab das zweite Quartal: Es brachte allein einen Leistungsbilanzüberschuss von 3,2 Mrd. US-Dollar, nach einem Defizit von rund 0,8 Mrd. US-Dollar im ersten Quartal. Laut Uskenbajew stützen die wachsenden Käufe von Vorprodukten und Ausrüstung zugleich die heimischen Produktionskapazitäten.
Importstruktur verschiebt sich zu Investitionsgütern
Hinter dem flachen Importwachstum steht ein Strukturwandel. Die Einfuhr von Vorleistungsgütern stieg um 13,8 %, die von Investitionsgütern um 7,9 %. Konsumgüterimporte ohne Lebensmittel sanken dagegen um 11,2 %, vor allem bei Autos, Kleidung und Schuhen. Laut der englischsprachigen Zeitung Astana Times schrumpft diese Kategorie bereits seit dem vierten Quartal 2023. Kasachstan kauft also weniger Konsumware im Ausland, aber mehr Maschinen, Ausrüstung und Vorprodukte. Für europäische Lieferanten von Investitionsgütern ist das die relevante Nachricht hinter den Bilanzzahlen. Zugleich sinkt die Schuldenlast. Die Auslandsverschuldung liegt laut Nationalbank bei 56,6 % des BIP, 3,3 Punkte weniger als zum Jahresbeginn. 2016 betrug die Quote noch 119,1 %. Ein Großteil entfällt auf konzerninterne Kredite ausländischer Direktinvestoren, nicht auf klassische Staatsschulden. Der Staatssektor hält Auslandsaktiva von 130,8 Mrd. US-Dollar oder 39,4 % des BIP, dem stehen nur 18,6 Mrd. US-Dollar Verbindlichkeiten gegenüber. Die Nettoauslandsposition des Landes verbesserte sich auf minus 11,3 % des BIP oder 37,5 Mrd. US-Dollar. 2020 lag sie noch bei minus 42,1 %. Setzt sich der Trend fort, rückt Kasachstan mittelfristig in die Nähe eines Netto-Gläubigers gegenüber dem Ausland. Für ein Schwellenland mit hohem Investitionsbedarf wäre das eine komfortable Ausgangslage.
Preisgetriebener Überschuss bleibt anfällig
Der Umschwung beruht auf Preisen, weniger auf Mengen. Fallen die Notierungen für Öl und Metalle, kippt die Rechnung schnell zurück. Zudem wächst die Wirtschaft verhalten: Laut Notenbankchef Timur Sulejmenow legte das BIP von Januar bis Juli um 4,1 % zu, getragen vor allem vom Nicht-Rohstoffsektor. Die regionale Wirtschaftszeitung Times of Central Asia nennt zum Vergleich 11,1 % Wachstum für Kirgisistan, 8,5 % für Usbekistan und 8,2 % für Tadschikistan. Kasachstan bleibt damit Wachstumsschlusslicht Zentralasiens, trotz der deutlich verbesserten Außenbilanz. Für die Geldpolitik schafft der Überschuss dennoch Luft. Er stützt den Tenge und damit die Disinflation: Die Teuerung sank im August auf 9,8 %, den elften Monat in Folge rückläufig. Lebensmittel verteuerten sich laut dem kasachischen Nachrichtenportal Zakon.kz um 9,5 %, andere Waren um 11,4 %, Dienstleistungen um 8,9 %. Die Inflationserwartungen der Haushalte fielen von 13,4 auf 12,1 %. Sulejmenow führt das laut einer bei der BIZ veröffentlichten Erklärung auf „die geldpolitische Ausrichtung, den stabilen Tenge-Kurs und die Normalisierung der Konsumnachfrage“ zurück. Die Basiszinsrate liegt seit dem 4. September bei 16,25 %, nach 16,75 % seit Ende Juli. Viel Spielraum nach unten sieht die Notenbank nicht. Laut Zakon.kz hob sie ihre Inflationsprognose für 2027 auf 6,5 bis 8,5 % an und nennt die proinflationären Risiken erheblich. Der nächste Zinsentscheid fällt am 23. Oktober. Er zeigt, wie viel Vertrauen die Nationalbank in die neue Stärke der Außenbilanz setzt. Hält der Überschuss bis zum Jahresende, hätte Kasachstan erstmals seit Jahren wieder einen Puffer gegen externe Schocks: mehr Devisen, weniger Schulden, ein stabilerer Tenge.
Quelle: Astana Times, Times of Central Asia, BIZ (EN) Kapital.kz, Zakon.kz, Nationalbank Kasachstans (RU)


