Zentralasien-Kolumne „Steppe Ahead“
6.436 Unternehmen mit chinesischem Kapital arbeiten in Usbekistan, das sind 29,9 % aller Auslandsfirmen im Land. Zum Stichtag 1. September zählt das nationale Statistikamt in Taschkent 21.490 Unternehmen mit ausländischer Beteiligung, berichtete das usbekische Nachrichtenportal Kun.uz am 24. September. Russland folgt mit 3.589 Firmen weit dahinter, die Türkei stellt 2.365. Binnen fünf Jahren hat sich die Zahl der Auslandsfirmen in Usbekistan um den Faktor 1,7 erhöht.
China wächst schneller als alle anderen Investoren
Das Tempo ist ungleich verteilt. Zum 1. Juli meldete das Statistikamt 20.502 aktive Firmen mit Auslandskapital, ein Plus von 22,9 % zum Vorjahr, berichtete das usbekische Wirtschaftsportal Spot. Chinesische Firmen legten dabei um 44,5 % zu. Russische Firmen wuchsen nur um 11,5 %, türkische um 14,3 %. Anfang Januar standen 5.044 chinesische Unternehmen im Register, zum 1. September waren es 6.436. Das ist ein Zuwachs von 28 % in acht Monaten, rechnet das usbekische Analyseportal Anhor vor. Allein im August kamen 195 chinesische Firmen hinzu, fast 40 % aller 517 Neuzugänge des Monats.
Hinter den drei größten Investoren folgt Kasachstan mit 1.345 Firmen, dann Südkorea mit 739. Bemerkenswert ist Rang sechs: Afghanistan stellt bereits 725 Unternehmen, mehr als Aserbaidschan, Tadschikistan oder die Emirate. Laut Spot verzeichnete Pakistan mit 91 % zum Vorjahr das höchste Wachstum unter den größeren Herkunftsländern und kommt auf 325 Firmen. Russland behauptet sich in einer Nische: Bei den Joint Ventures liegt es laut Spot mit 941 Beteiligungen vorn, während chinesische Investoren meist vollständig eigene Gesellschaften gründen.
Handel dominiert, IT überholt den Bau
Der Branchenblick zeigt, wofür das Kapital kommt. Gut ein Drittel aller Auslandsfirmen handelt mit Waren: Laut dem russischsprachigen Portal Novosti Usbekistana (Nuz.uz) stieg die Zahl der Handelsfirmen binnen eines Jahres von 6.053 auf 7.637. Die Industrie folgt mit rund 4.000 Firmen. Im IT-Sektor zählte Spot zur Jahresmitte 1.690 Auslandsfirmen, erstmals mehr als im Bau. Zugleich verändert sich die Eigentümerstruktur: 16.732 der 21.490 Firmen gehören vollständig ausländischen Eignern, nur 4.758 sind Joint Ventures. Vor fünf Jahren lag der Anteil rein ausländischer Firmen bei 56,2 %, heute sind es 77,9 %. Investoren kommen also zunehmend ohne lokalen Partner aus.
Regional bleibt das Bild einseitig. Laut Nuz.uz sitzen 62,4 % aller Auslandsfirmen in der Hauptstadt Taschkent, weitere 13,9 % im umliegenden Gebiet Taschkent. Auf die Regionen Samarkand und Fergana entfallen zusammen keine 7 %. Rund drei Viertel des ausländischen Unternehmensbestands konzentrieren sich damit im Großraum der Hauptstadt.
Chinesisches Kapital mit Schlagseite im Handel
Hinter den Firmenzahlen steht wachsendes Geld. „Seit Jahresbeginn hat der bilaterale Handel 6 Mrd. US-Dollar überschritten, während die chinesischen Direktinvestitionen in Usbekistan 8 Mrd. US-Dollar übersteigen“, sagte Präsident Schawkat Mirsijojew im Juni laut der regionalen Wirtschaftszeitung Times of Central Asia. Kumuliert erreichen chinesische Investitionen laut Anhor inzwischen 17 Mrd. US-Dollar, fünfmal so viel wie 2021. Sichtbar wird das in Projekten wie dem BYD-Autowerk in Dschisak mit anfangs 160 Mio. US-Dollar und einem Ausbauziel von 500.000 Fahrzeugen bis 2027, einer Elektrobus-Fabrik in Fergana für 170 Mio. US-Dollar und über 30 Energieprojekten im Volumen von mehr als 9 Mrd. US-Dollar.
Die Kehrseite steht in der Handelsbilanz. Von Januar bis Juli importierte Usbekistan laut Anhor Waren für 9,6 Mrd. US-Dollar aus China, exportierte dorthin aber nur für 1,7 Mrd. US-Dollar. Auf jeden Export-Dollar kommen 5,6 Dollar an Importen. Den größten Posten bilden Maschinen und Transporttechnik: Sie machten 2025 laut Anhor rund 34 % der usbekischen Gesamtimporte aus. Usbekistan liefert im Gegenzug vor allem Erdgas und Agrarprodukte wie Trockenfrüchte. Diese Exporte können die milliardenschweren Ausrüstungsimporte nicht ausgleichen, schreibt das Portal. Beide Regierungen peilen laut der aserbaidschanischen Nachrichtenagentur Trend einen bilateralen Handel von 30 Mrd. US-Dollar an, nach rund 18 Mrd. US-Dollar im Vorjahr. Die EBRD hob am 24. September ihre Wachstumsprognose für Usbekistan auf 7,5 % für 2026 an, für 2027 erwartet sie 6 %. Im ersten Halbjahr wuchs die Wirtschaft laut EBRD um 8,5 % zum Vorjahr, getragen von Dienstleistungen, Industrie und kräftigen Investitionen. Zentralasien insgesamt traut die Bank 2026 ein Plus von 5,8 % zu. Als Risiken nennt sie schwächere Nachfrage wichtiger Handelspartner und fallende Rohstoffpreise. Die offene Frage lautet: Werden aus chinesischen Handelsfirmen Produzenten mit lokaler Wertschöpfung, oder vertieft der Zustrom nur das Defizit? Die Antwort entscheidet, ob Usbekistan vom Investitionsboom mehr behält als Importrechnungen.
Quelle: Kun.uz, Times of Central Asia, EBRD, Trend (EN) Spot, Anhor, Nuz.uz (RU)


