Russland erhebt seit dem 2. Oktober 35% Einfuhrzoll auf Nahrungsergänzungsmittel aus Staaten, die Sanktionen gegen das Land verhängt haben und deshalb als „unfreundlich“ gelten. Bisher lagen die Sätze für die wichtigsten Warengruppen bei 10% bis 20%, erklärt Sergej Schuljak, Generaldirektor des Marktforschungsunternehmens DSM Group. Ministerpräsident Michail Mischustin unterzeichnete die Verordnung am 21. September. Sie gilt bis Ende 2027, Ausnahmen gibt es nur für Ungarn und die Slowakei.
Der Zoll trifft Präparate in Verbraucherverpackung, die im staatlichen Kennzeichnungssystem Tschestny Snak („Ehrliches Zeichen“) erfasst sein müssen. Darin bekommt jede Packung einen individuellen Code, über den der Staat den Weg der Ware vom Hersteller oder Importeur bis zur Ladenkasse verfolgt.
Rund 33% des Marktwerts stammen aus unfreundlichen Staaten, aber nur 18% der Packungen, rechnet Nikolai Bespalow vor, Entwicklungsdirektor des Analysehauses RNC Pharma. Im Jahr 2025 setzten diese Produkte 75,2 Mrd. Rubel um, umgerechnet 800 Mio. Euro. „Höhere Zollsätze schlagen automatisch auf den Preis im Regal durch“, sagt Bespalow. Kurzfristig erwartet er mehr Graumarktimporte, allerdings in kleinen Mengen.
Wachstum über den Preis
Russen gaben im vergangenen Jahr 236,9 Mrd. Rubel für Nahrungsergänzungsmittel aus, umgerechnet 2,5 Mrd. Euro und 24,9% mehr als im Vorjahr. Das zeigt der Jahresbericht der DSM Group. Er erfasst Apotheken und die vier großen Marktplätze Ozon, Wildberries, Yandex Market und Magnit Market. Apotheken setzten 182,5 Mrd. Rubel um (+23,9%), die Marktplätze 54,4 Mrd. Rubel (+28,5%). Der Anteil der Marktplätze blieb stabil bei 23%.
Das Wachstum geht beinahe ausschließlich auf höhere Preise zurück. In Apotheken sank der Absatz um 0,4% auf 409 Mio. Packungen. Eine Packung kostete im Schnitt 446 Rubel, umgerechnet 4,74 Euro und 24% mehr als im Vorjahr. Von Januar bis August 2026 verkauften Apotheken 268,2 Mio. Packungen für 134,1 Mrd. Rubel, umgerechnet 1,4 Mrd. Euro. Das berichtet die Moskauer Wirtschaftszeitung Kommersant unter Berufung auf DSM. Gegenüber dem Vorjahreszeitraum stieg der Absatz um 3,1%, der Umsatz um 17%.
Solgar, Bayer, Doppelherz
Russische Hersteller dominieren den Apothekenmarkt. Laut DSM stellten sie im vergangenen Jahr 85% der Packungen und 67,5% des Umsatzes. Ihr Umsatzanteil wuchs damit um 1,4 Prozentpunkte. Marktführer ist Evalar aus der Altai-Region mit 26 Mrd. Rubel Umsatz, 277 Mio. Euro und einem Plus von 20,2%. Ein importiertes Präparat kostete im Schnitt 963 Rubel, 10,24 Euro. Das ist fast dreimal so viel wie ein russisches Produkt mit 355 Rubel, 3,78 Euro. Der Absatz der Importware sank um 8,1%, der Umsatz stieg dennoch um 18,6%.
Unter den ausländischen Anbietern liegen die USA mit 42,1% des Importumsatzes vorn, vor Deutschland mit 13,7% und Indien mit 8,1%. Indische Ware bleibt vom neuen Zoll verschont. Drittgrößter Hersteller im Apothekenmarkt ist die US-Marke Solgar mit 11,4 Mrd. Rubel Umsatz, 122 Mio. Euro und ein Plus von 27,8%.
Aus Deutschland trifft der Zoll vor allem zwei Unternehmen. Der Leverkusener Konzern Bayer steigerte den Apothekenumsatz mit Präparaten wie Elevit und Supradyn um 68,4% auf 3,1 Mrd. Rubel, 33,3 Mio. Euro. Queisser Pharma aus Flensburg verkaufte Doppelherz-Produkte für 2,7 Mrd. Rubel, umgerechnet 28,8 Mio. Euro. Das entspricht einem Plus von 7,4%.
Engere Kontrolle
Der Zoll ergänzt eine Reihe staatlicher Eingriffe. Seit 2023 müssen Nahrungsergänzungsmittel in Tschestny Snak registriert sein. Ungekennzeichnete Ware mit bis zu drei Jahren Haltbarkeit durften Händler nur bis Ende August 2026 verkaufen. Seit September 2025 darf die Verbraucherschutzbehörde Rospotrebnadzor Webseiten mit verbotenen Präparaten ohne Gerichtsbeschluss sperren. Zuvor dauerte das mindestens drei Monate, sagte der Duma-Abgeordnete Sergej Leonow dem Fachportal Pharmvestnik.
Laut DSM bremste die strengere Kontrolle das Online-Geschäft: Auf Marktplätzen wuchs der Umsatz im Jahr 2024 noch um 40%, im vergangenen Jahr nur noch um 29%.
Schutzzölle standen schon im Jahr 2023 zur Debatte. Der Nationale Verbraucherschutzverband NSZPP, der vor allem gegen Produktfälschungen vorgeht, forderte damals ein Importverbot oder 220% Zoll, russische Hersteller wollten 50% bis 70% Zölle auf die ausländische Konkurrenz. Die Regierungskommission lehnte damals beides ab, berichtet das Wirtschaftsmagazin Expert.
Marktforscher Schuljak sieht im neuen Zoll eine Stütze für russische Produzenten und eine Einnahmequelle für den Haushalt. Bei einem Jahresmarkt von rund 300 Mrd. Rubel, 3,1 Mrd. Euro, könne der Staat bis zu 30 Mrd. Rubel zusätzlich einnehmen, 311 Mio. Euro. Er rechnet mit 10% bis 15% höheren Preisen, auch bei russischen Marken. Auf dem Weinmarkt hätten ähnliche Zölle die Preise steigen und die Nachfrage sinken lassen.
Quellen: DSM Group, Kommersant, TKS.ru, Expert, Pharmvestnik (alle RU)
Quelle: Deutsch-Russische Auslandshandelskammer, Bittere Pille: Russland verteuert Vitamine aus dem Westen, 09.10.2026.
Dieser Beitrag wurde für die Deutsch-Russische Auslandshandelskammer erstellt.
