Usbekistan setzt bei der nächsten Phase seiner digitalen Transformation auf den Aufbau integrierter Fintech-Ökosysteme. Nach Ansicht von Branchenvertretern werden künftig nicht mehr einzelne Finanzdienstleistungen, sondern vernetzte Plattformen, die Banking, Zahlungsverkehr, Kreditvergabe und E-Commerce kombinieren, das Wachstum des Sektors bestimmen.
Auf dem Tashkent International Investment Forum (TIIF 2026) erklärte Nikolay Seleznev, Mitgründer sowie Chief Strategy and Business Development Officer von Uzum, dass der usbekische Fintech-Markt in eine neue Entwicklungsphase eintrete. In einer von John Hyman, Partner und Leiter des Investmentmanagements bei Cerity Partners, moderierten Diskussion betonte er, dass staatliche Investitionen in die digitale Infrastruktur und die schnelle Akzeptanz neuer Technologien durch die Bevölkerung die Grundlage für diesen Wandel geschaffen hätten.
Vom Zahlungsdienst zum digitalen Ökosystem
Ein Fintech-Ökosystem geht weit über klassische Bank- oder Zahlungsdienstleistungen hinaus. Nutzer können innerhalb einer einzigen Plattform einkaufen, Kredite aufnehmen, Zahlungen abwickeln, Geld überweisen und weitere Finanzdienstleistungen nutzen. Vergleichbare Modelle haben sich bereits in Märkten wie Südkorea, Lateinamerika oder Kasachstan etabliert.
Nach Einschätzung von Seleznev verfügt Usbekistan über ideale Voraussetzungen für diesen Ansatz. Das Land vereine eine große Bevölkerung, eine historisch geringe Durchdringung von Finanzdienstleistungen und eine außergewöhnlich schnelle Digitalisierung.
„Usbekistan vereint drei Faktoren, die nur selten gleichzeitig auftreten: eine große Bevölkerung, eine historisch sehr geringe Nutzung von Finanzdienstleistungen und eine rasante digitale Entwicklung“, sagte Seleznev.
Anders als in etablierten Märkten konkurrieren Fintech-Unternehmen in Usbekistan nicht primär um bestehende Kunden. Stattdessen erschließen sie neue Nutzergruppen und integrieren bislang informelle Wirtschaftsaktivitäten in das digitale Finanzsystem.
Besonders deutlich zeigt sich dieser Wandel bei der Verbreitung von Zahlungskarten. Die Zahl der ausgegebenen Karten stieg laut Seleznev innerhalb weniger Jahre von rund 34 Millionen auf nahezu 70 Millionen.
Infrastruktur als Grundlage des Wachstums
Eine zentrale Rolle spielen staatliche Investitionen in digitale Identitätssysteme, moderne Zahlungslösungen und Open-Banking-Strukturen. Diese Maßnahmen haben die Markteintrittsbarrieren für Fintech-Unternehmen gesenkt und gleichzeitig den Zugang der Bevölkerung zu Finanzdienstleistungen verbessert.
Digitale Identitätslösungen ermöglichen heute die Verifizierung neuer Kunden innerhalb weniger Minuten. Dadurch sinken die Kosten für die Kundengewinnung erheblich und Unternehmen können schneller expandieren.
Neben staatlichen Initiativen investieren auch private Unternehmen massiv in die notwendige Infrastruktur. Uzum hat beispielsweise eigene Logistiknetzwerke, Lagerkapazitäten und Liefersysteme aufgebaut, um sein Ökosystem zu erweitern.
Das langfristige Ziel besteht darin, Millionen von Menschen aus der Bargeldwirtschaft in das formelle Finanzsystem zu integrieren. Nach Angaben von Seleznev verfügen noch immer rund 20 Millionen Menschen über keinen oder nur eingeschränkten Zugang zu Bankdienstleistungen.
„Wir konkurrieren nicht mit den etablierten Marktteilnehmern – wir konkurrieren mit Bargeld“, erklärte er.
Kreditvergabe und KI als nächste Wachstumstreiber
Als besonders aussichtsreich gilt die Kreditvergabe. Im internationalen Vergleich ist der Zugang zu Finanzierungen in Usbekistan weiterhin unterentwickelt. Mit zunehmender Integration der Bevölkerung in das formelle Finanzsystem dürfte die Nachfrage nach Kreditprodukten deutlich steigen.
Auch künstliche Intelligenz gewinnt im Sektor zunehmend an Bedeutung. Bereits heute wird KI bei Kreditwürdigkeitsprüfungen, im Kundensupport, in der Softwareentwicklung sowie bei der Preisüberwachung auf E-Commerce-Plattformen eingesetzt.
Seleznev betonte jedoch, dass der Fokus aktuell auf praktischen Anwendungen liege. Die Technologie ermögliche es Unternehmen, Tausende von Produkten in Echtzeit zu analysieren und gleichzeitig ihre betriebliche Effizienz zu steigern.
Auf Fragen nach möglichen Kreditrisiken und der Nachhaltigkeit des Wachstums verwies Seleznev darauf, dass sich Usbekistan noch in einer frühen Phase seines Kreditzyklus befinde. Die Verschuldung privater Haushalte sei im internationalen Vergleich weiterhin niedrig und lasse erheblichen Spielraum für weiteres Wachstum.
Fokus bleibt auf dem Heimatmarkt
Trotz attraktiver Expansionsmöglichkeiten in anderen zentralasiatischen Ländern will sich Uzum vorerst auf den heimischen Markt konzentrieren. Zwar analysiert das Unternehmen erfolgreiche Ökosystemmodelle aus Kasachstan, Südkorea und Lateinamerika, die Priorität liege jedoch auf einer stärkeren Marktdurchdringung innerhalb Usbekistans.
„Wir sind in Segmenten tätig, die mittel- bis langfristig ein fünf- bis zehnfaches Wachstumspotenzial besitzen“, sagte Seleznev.
Für Investoren und politische Entscheidungsträger wird nun entscheidend sein, ob die Unternehmen des Landes die hohe Dynamik der Digitalisierung in nachhaltiges und langfristiges Wachstum umwandeln können. Branchenvertreter sind überzeugt, dass die nächste Entwicklungsphase nicht mehr vom Ausbau einzelner Zahlungsdienste, sondern von der Entstehung umfassender digitaler Ökosysteme geprägt sein wird.


