Usbekistan entwickelt sich zunehmend zum wirtschaftlichen Wachstumsmotor Zentralasiens. Die wirtschaftliche Entwicklung des Landes wird meist durch makroökonomische Reformen, ein verbessertes regulatorisches Umfeld und ein attraktiveres Investitionsklima erklärt. Weit weniger Beachtung findet jedoch einer der tiefgreifendsten Strukturwandel des Landes: die Transformation des Energiesektors.
Noch immer gilt Usbekistan als klassische Gaswirtschaft. Das ist zwar nach wie vor richtig, beschreibt die Realität jedoch nur noch teilweise.
Der grüne Wandel wird dabei nicht in erster Linie von Klimazielen angetrieben, sondern von wirtschaftlichen und geologischen Gegebenheiten. Die sinkende Erdgasförderung hat sich zu einem der wichtigsten Impulse für die Diversifizierung der Stromerzeugung entwickelt. Erneuerbare Energien sind dadurch weniger eine ökologische Vision als vielmehr eine wirtschaftliche Notwendigkeit geworden. Gerade deshalb dürfte dieser Wandel langfristig besonders nachhaltig sein: Regierungen mögen ihre Klimapolitik verändern, die Energiesicherheit bleibt jedoch dauerhaft Priorität.
Sinkende Gasförderung verändert die Energiepolitik
Erdgas dominiert weiterhin die usbekische Energieversorgung. Fossile Brennstoffe decken mehr als 95% des Primärenergiebedarfs, während Erdgas allein rund 80% des gesamten Energieverbrauchs und etwa 72% der Stromerzeugung ausmacht.
Gleichzeitig sinkt jedoch die Gasförderung seit Jahren kontinuierlich. Nach dem Höchststand von 68,3 Milliarden Kubikmetern im Jahr 2008 dürfte die Produktion 2025 nur noch rund 42,3 Milliarden Kubikmeter erreichen.
Bemerkenswert ist jedoch, dass der Gasverbrauch trotz des starken Bevölkerungs- und Wirtschaftswachstums mit rund 50 Milliarden Kubikmetern pro Jahr weitgehend stabil geblieben ist.
Möglich wurde dies durch erhebliche Effizienzsteigerungen. Die Wirtschaft verlagerte sich zunehmend in den Dienstleistungssektor, Gaskraftwerke wurden modernisiert, die Tarifstruktur reformiert und Angebotsengpässe führten zu einem sparsameren Energieverbrauch. Dadurch konnte das Bruttoinlandsprodukt wachsen, ohne dass der Gasverbrauch entsprechend zunahm.
Seit 2023 wird dieses Gleichgewicht jedoch schwieriger aufrechtzuerhalten, da Usbekistan inzwischen Nettoimporteur von Erdgas geworden ist.
Große Reserven, aber sinkende Produktivität
An Erdgas mangelt es Usbekistan grundsätzlich nicht. Die nachgewiesenen Reserven belaufen sich weiterhin auf mehr als 1,8 Billionen Kubikmeter und gehören damit zu den größten weltweit.
Das Problem liegt vielmehr in der Alterung vieler Förderfelder, sinkenden Fördermengen und jahrelangen Unterinvestitionen. Auch die Regierung räumt ein, dass zahlreiche Felder des staatlichen Unternehmens Uzbekneftegaz weitgehend erschöpft sind und neue Investitionen sowie moderne Technologien erforderlich machen.
Deshalb bleiben Kohlenwasserstoffe trotz des Ausbaus erneuerbarer Energien ein wichtiger Bestandteil der Energiepolitik.
Ein Beispiel dafür ist das Produktionsbeteiligungsabkommen im Wert von rund zwei Milliarden US-Dollar auf dem Ustyurt-Plateau, an dem unter anderem SOCAR und BP beteiligt sind. Es zeigt, dass Usbekistan weiterhin ein attraktiver Standort für internationale Investitionen in die Öl- und Gasförderung bleibt.
Solar- und Windenergie holen rasant auf
Parallel dazu entwickelt sich der Ausbau erneuerbarer Energien mit bemerkenswerter Geschwindigkeit.
Der Anteil erneuerbarer Energien an der Stromerzeugung stieg von lediglich 7% im Jahr 2021 auf nahezu 20% im Jahr 2025.
Besonders bemerkenswert ist, dass dieses Wachstum nahezu vollständig auf Solar- und Windenergie zurückzuführen ist. Während erneuerbare Energien in Usbekistan lange Zeit fast ausschließlich Wasserkraft bedeuteten, werden Solar- und Windkraft im Jahr 2025 erstmals mehr Strom erzeugen als Wasserkraftwerke.
Usbekistan überholt regionale Wettbewerber
Regionale Vergleiche unterschätzen diese Entwicklung häufig.
Kirgisistan, Tadschikistan und Georgien verfügen aufgrund ihrer natürlichen Wasserkraftressourcen traditionell über einen höheren Anteil erneuerbarer Energien. Betrachtet man jedoch ausschließlich moderne erneuerbare Energien wie Solar- und Windkraft, ergibt sich ein anderes Bild.
Im Jahr 2025 decken Solar- und Windkraft bereits rund 12% des Strombedarfs. Damit hat Usbekistan innerhalb weniger Jahre Länder wie Kasachstan und Armenien überholt.
Investitionen in Rekordtempo
Auch der Ausbau der Erzeugungskapazitäten verläuft außergewöhnlich dynamisch.
Die installierte Kraftwerksleistung ist inzwischen auf fast 26 Gigawatt gestiegen. Rund 30% der gesamten installierten Kapazität entfallen mittlerweile auf erneuerbare Energien.
Allein Solar- und Windkraftanlagen verfügen über eine Leistung von mehr als 7,5 Gigawatt. Fast 90% dieser Kapazität wurden erst in den Jahren 2024 und 2025 in Betrieb genommen.
Nur wenige Schwellenländer haben ihre Kapazitäten für erneuerbare Energien in vergleichbarer Geschwindigkeit ausgebaut.
Internationale Investoren treiben den Ausbau voran
Diese Entwicklung ist das Ergebnis einer gezielten Strategie zur Gewinnung internationaler Investoren über transparente öffentlich-private Partnerschaften.
Zu den wichtigsten Investoren zählen Unternehmen wie ACWA Power, Masdar, EDF und China Energy Engineering.
Insgesamt beläuft sich die Investitionspipeline inzwischen auf rund 35 Milliarden US-Dollar – fast ein Viertel des usbekischen Bruttoinlandsprodukts und damit eine der größten Investitionsoffensiven für grüne Technologien in Zentralasien.
Installierte Leistung und tatsächliche Stromproduktion
Ein wichtiger Unterschied sollte dabei berücksichtigt werden.
Wenn die Regierung erklärt, dass saubere Energien bereits rund 30% des Energiemixes ausmachen, bezieht sich diese Angabe auf die installierte Leistung und nicht auf die tatsächliche Stromproduktion.
Da Solar- und Windkraftwerke naturgemäß geringere Auslastungsgrade aufweisen als thermische Kraftwerke, liegt ihr tatsächlicher Anteil an der Stromerzeugung derzeit noch niedriger.
Dennoch gilt die installierte Leistung als entscheidender Indikator für die zukünftige Entwicklung der Stromversorgung.
Realistische Ziele bis 2030
Vor diesem Hintergrund erscheint das Regierungsziel, bis 2030 mehr als die Hälfte der installierten Stromerzeugungskapazität aus sauberen Energiequellen bereitzustellen, inzwischen durchaus realistisch.
Angesichts der Vielzahl bereits geplanter und im Bau befindlicher Projekte rückt dieses Ziel zunehmend in greifbare Nähe. Für Investoren reicht die Bedeutung dieser Entwicklung weit über den Energiesektor hinaus.
Die Transformation zeigt, dass die usbekische Regierung strukturelle Herausforderungen frühzeitig erkannt, internationales Kapital mobilisiert, moderne Technologien eingeführt und gleichzeitig ein Investitionsmodell geschaffen hat, das Großprojekte effizient umsetzen kann.
Die Energiewende ist deshalb nicht nur ein energiepolitischer Erfolg, sondern auch Ausdruck eines zunehmend pragmatischen und investorenfreundlichen wirtschaftspolitischen Kurses.
Gas bleibt wichtig – Grün gewinnt an Bedeutung
Usbekistan wird auf absehbare Zeit eine gasbasierte Volkswirtschaft bleiben. Erdgas wird weiterhin eine zentrale Rolle für Industrie und Stromversorgung spielen und als flexible Reservekapazität dienen.
Die langfristige Wachstumsgeschichte des Landes wird jedoch nicht mehr ausschließlich in seinen Gasfeldern geschrieben.
Zunehmend bestimmen Solarparks, Windkraftanlagen und moderne Stromnetze die Entwicklung des Energiesektors. Grüne Energie ist damit von einem Randthema zu einem der wichtigsten Bausteine der wirtschaftlichen Transformation Usbekistans geworden.

