Der türkische Produktionssektor erlitt zum Ende des ersten Halbjahres einen deutlichen Rückschlag. Die zunehmenden Auswirkungen des Nahostkonflikts belasteten sowohl die Inlandsnachfrage als auch die internationalen Lieferketten erheblich. Das geht aus den am 1. Juli veröffentlichten Daten der Istanbuler Industrie- und Handelskammer sowie von S&P Global hervor.
Der Einkaufsmanagerindex (PMI) für das verarbeitende Gewerbe fiel im Juni auf 47,1 Punkte, nachdem er im Mai noch bei 49,8 Punkten gelegen hatte.
Der Wert liegt damit deutlich unter der Wachstumsschwelle von 50 Punkten und signalisiert den 27. Monat in Folge eine Verschlechterung der Geschäftsbedingungen in der türkischen Industrie. Der deutliche Rückgang beendete die leichte Stabilisierung vom Mai und weist auf anhaltende strukturelle Belastungen infolge des regionalen Konflikts hin.
Nahostkonflikt belastet Nachfrage und Lieferketten
Die Umfrage zeichnet das Bild eines Industriesektors, der unter zunehmender geopolitischer Unsicherheit und einer schwachen Nachfrage leidet. Während die Produktion im Mai noch leicht gestiegen war, ging sie im Juni wieder deutlich zurück.
Vor allem der kräftige Rückgang der Neuaufträge belastete die Entwicklung. Auch das Exportgeschäft verschlechterte sich wieder, nachdem es im Mai kurzfristig gewachsen war.
Viele Unternehmen nannten die Unsicherheit infolge des Nahostkonflikts sowie das weiterhin hohe Preisniveau als Hauptgründe für die Zurückhaltung ihrer Kunden.
Zudem verschärften sich die Probleme in den Lieferketten. Der Konflikt beeinträchtigte wichtige Transportwege, wodurch sich die Lieferzeiten der Zulieferer erneut verlängerten. Allerdings fiel die Verzögerung so gering aus wie zuletzt im Februar.
Inflationsdruck lässt leicht nach
Für die türkische Zentralbank gab es zumindest einen kleinen Lichtblick: Der Inflationsdruck ließ im Juni etwas nach. Sowohl die Einkaufspreise als auch die Verkaufspreise stiegen so langsam wie seit Ende des vergangenen Jahres nicht mehr.
Die Inflation bei den Einkaufspreisen fiel auf den niedrigsten Stand seit November, nachdem sie im April noch ihren jüngsten Höchststand erreicht hatte. S&P Global betonte jedoch, dass die Kosten weiterhin deutlich zunahmen – insbesondere aufgrund höherer Ölpreise und steigender Rohstoffkosten infolge des Krieges.
Auch die Verkaufspreisinflation verlangsamte sich und erreichte den niedrigsten Stand des laufenden Jahres. Dies deutet darauf hin, dass die Hersteller höhere Kosten zunehmend nicht mehr vollständig an ihre Kunden weitergeben können.
Unternehmen bauen Personal und Lagerbestände ab
Angesichts rückläufiger Auftragseingänge und hoher Produktionskosten reduzierten viele Unternehmen ihre Kapazitäten, um ihre Margen zu schützen.
Die Beschäftigung ging bereits den 19. Monat in Folge zurück. Die Unternehmen führten dies sowohl auf natürliche Fluktuation als auch auf gezielte Kostensenkungsmaßnahmen zurück.
Gleichzeitig wurden die Lagerbestände an Rohstoffen und Fertigwaren deutlich reduziert. Aufgrund der schwachen Nachfrage verzichteten viele Hersteller darauf, größere Vorräte aufzubauen.
S&P: Hoffnung auf Entspannung
„Nachdem der türkische Produktionssektor im Mai erste Anzeichen einer Erholung gezeigt hatte, erlitt er im Juni erneut einen Rückschlag“, erklärte Andrew Harker, Economics Director bei S&P Global Market Intelligence.
Nach den Rückmeldungen der befragten Unternehmen bleibe der Krieg im Nahen Osten der wichtigste Belastungsfaktor für die Industrie. Sollten sich die geopolitischen Spannungen in den kommenden Monaten weiter entspannen, könnte sich dies auch positiv auf die Geschäftsentwicklung auswirken.

