Zentralasien-Kolumne „Steppe Ahead“
77,4 Mrd. US-Dollar Wirtschaftsleistung, 3 % Auslandsverschuldung, 6,3 % Wachstum: Mit diesen Zahlen hat Turkmenistan am 1. Oktober in Aschgabat um ausländisches Kapital geworben. Zum zweitägigen Turkmenistan Investment Forum TIF 2026 kamen laut Veranstaltern mehr als 850 Delegierte aus rund 50 Ländern, darunter Vertreter von Weltbank, Asiatischer Entwicklungsbank und EBRD. Für die verschlossenste Volkswirtschaft Zentralasiens ist schon diese Offenlegung ein seltener Schritt. Das Forum fiel in das Jahr des 35. Unabhängigkeitsjubiläums, die Agenda blieb aber betont wirtschaftlich.
Finanzminister legt Bilanz für 2025 vor
Finanz- und Wirtschaftsminister Mammetguly Astanagulov eröffnete das Forum mit einer Leistungsschau. Laut dem Regierungsportal Turkmenistans, dem offiziellen Nachrichtenkanal der Regierung in Aschgabat, erreichte das Bruttoinlandsprodukt Ende 2025 einen Wert von 77,4 Mrd. US-Dollar. Das Wachstum lag demnach stabil bei 6,3 %. Der Außenhandelsumsatz legte gegenüber 2024 um 11 % zu. Die Exporte überstiegen 11,2 Mrd. US-Dollar, die Investitionen 12,8 Mrd. US-Dollar. Die Inflation bezifferte das Ministerium für das erste Halbjahr 2026 auf 3,6 %. „In den vergangenen fünf Jahren ist das Bruttoinlandsprodukt Turkmenistans um das Anderthalbfache gewachsen“, sagte Astanagulov laut dem Portal. Der regionale Nachrichtendienst News Central Asia, ein auf Turkmenistan spezialisiertes Portal mit Sitz in Aschgabat, ergänzt: Die Auslandsverschuldung lag Ende 2025 bei 3 % des BIP. Das ist der mit Abstand niedrigste Wert in Zentralasien. Eine verlesene Grußbotschaft von Präsident Serdar Berdimuhamedov versprach den Gästen Kontinuität in der Investitionspolitik. Unter den Teilnehmern nennt News Central Asia Konzerne wie Samsung C&T, Mitsubishi Heavy Industries und Siemens Energy, dazu Exportkreditagenturen und internationale Finanzinstitute. Rund 370 Delegierte reisten aus dem Ausland an.
Aschgabat bietet mehr als Gas an
Die Angebotsliste des Ministers reichte weit über den Energiesektor hinaus. Astanagulov nannte Öl und Gas, Petrochemie, Stromerzeugung, Bauwirtschaft, Verkehr und Logistik, den Agrarsektor sowie Digitaltechnik und Künstliche Intelligenz als prioritäre Felder. Dazu kommen Fintech, Cybersicherheit und elektronische Verwaltung. Die Botschaft dahinter: Turkmenistan will seine Abhängigkeit vom Gasgeschäft verringern. Genau dort stockt nämlich die Diversifizierung. Laut EBRD, der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung, begann Turkmenistan im März 2025 Swap-Lieferungen in die Türkei. Sie erreichten aber nur 2,6 % der Gasproduktion. Die Binnenlage und politisch heikle Transitkorridore begrenzen laut EBRD weiter den Marktzugang. Auch die TAPI-Pipeline nach Afghanistan, Pakistan und Indien bleibt ein Langfristprojekt: Fertig ist bislang nur der Abschnitt bis kurz vor Herat. Als Referenzen präsentierte Aschgabat den Investoren deshalb vor allem Projekte im Inland. Dazu zählen die 600 Kilometer lange Autobahn von Aschgabat nach Turkmenabat, die 2026 vollständig eröffnet wurde, eine Hybrid-Anlage aus Wind- und Solarkraft bei Gyzylarbat sowie die Modernisierung der Raffinerie Seydi. Beim Gasfeld Galkynysh, dem zweitgrößten der Welt, läuft bereits die nächste Ausbaustufe mit chinesischer Beteiligung.
EBRD bestätigt Wachstum, zweifelt an den Daten
Bemerkenswert ist: Die unabhängige Prognose weicht diesmal kaum von der offiziellen Zahl ab. Die EBRD erwartet in ihrem Länderbericht für 2025 und 2026 jeweils 6,3 % Wachstum, getragen von Investitionen in Energie, Bau, Infrastruktur und Industrie. Die Kapitalinvestitionen stiegen laut der Bank im ersten Halbjahr 2025 um 15,6 % zum Vorjahr und erreichten 17,7 % des BIP. Im regionalen Vergleich bleibt das Tempo trotzdem moderat: Die Nachrichtenagentur Trend meldete für Tadschikistan 8,2 % Wachstum im ersten Halbjahr 2026, Kirgisistan kam nach acht Monaten laut der Agentur AKIpress auf 11 %. Als Beleg führt die Bank unter anderem einen Autobahn-Bauvertrag über mehr als 2 Mrd. US-Dollar vom September 2024 an. Doch die Londoner Förderbank benennt auch die Schwachstellen. Die Freigabe des Devisenmarkts nennt sie als vordringlichste Reform. Laut EBRD schafft die große Lücke zwischen dem offiziellen Wechselkurs und dem Parallelmarktkurs erhebliche Fehlallokationen in der Wirtschaft. Die Dollarwerte der Regierung beruhen auf dem festen offiziellen Kurs, zum Marktkurs fiele die Bilanz deutlich kleiner aus. Zudem behindere der Mangel an verlässlichen, offenen Daten wirksame Entscheidungen. Unabhängig prüfen lassen sich die Zahlen aus Aschgabat nicht, Turkmenistan veröffentlicht keine regelmäßige Detailstatistik. Ob aus 850 Delegierten echte Investoren werden, entscheidet sich deshalb an zwei Punkten: an der Währungsfrage und am Datenzugang. Solange beides offen bleibt, bleibt die niedrige Verschuldung das stärkste Verkaufsargument des Landes.
Quelle: Regierungsportal Turkmenistans, News Central Asia, EBRD Transition Report, Trend, AKIpress (alle EN)


