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Wachstum ohne Öl: EBRD sieht Kasachstan als Schlusslicht Zentralasiens
"Steppe Ahead" · 25.09.2026

Wachstum ohne Öl: EBRD sieht Kasachstan als Schlusslicht Zentralasiens

Die EBRD traut Kasachstan 2026 nur 4,7 % Wachstum zu, Zentralasien insgesamt 5,8 %: Die Ölförderung sank in sieben Monaten um 8,8 %, Industrie und Bau tragen die Konjunktur.

Zentralasien-Kolumne „Steppe Ahead“

4,7 % Wachstum für 2026: Kasachstan bleibt das Schlusslicht Zentralasiens. Das prognostiziert die Europäische Bank für Wiederaufbau und Entwicklung (EBRD) in ihrem am 24. September vorgelegten Regionalausblick. Die Region insgesamt soll in diesem Jahr um 5,8 % zulegen. Die größte Volkswirtschaft Zentralasiens wächst damit langsamer als alle vier Nachbarstaaten, denn ihr wichtigster Sektor schrumpft: die Ölförderung.

Ölförderung sinkt um 8,8 %

Von Januar bis Juli förderte Kasachstan 53,21 Mio. Tonnen Rohöl. Das waren 8,8 % weniger als im Vorjahreszeitraum, berichtet die aserbaidschanische Nachrichtenagentur Trend unter Berufung auf das kasachische Statistikamt. Die EBRD nennt als Gründe Störungen an der Exportroute des Caspian Pipeline Consortium und Zwischenfälle am Ölfeld Tengiz. Erst Mitte September hatte ein Drohnenvorfall die Verladung im russischen Noworossijsk erneut unterbrochen. Über diese Route laufen gut 80 % der kasachischen Ölexporte.

Trotzdem wuchs die Wirtschaft von Januar bis Juli um 4,1 % zum Vorjahr. Das Bruttoinlandsprodukt erreichte laut Statistikamt 70,9 Billionen Tenge, umgerechnet rund 155 Mrd. US-Dollar. Die Wachstumstreiber liegen außerhalb des Ölsektors: Der Bau legte um 15,2 % zu, die verarbeitende Industrie um 9,8 %, Transport und Lagerei um 7,1 %. Die verarbeitende Industrie steuerte allein 1,25 Prozentpunkte zum Wachstum bei, der Handel 0,93 Punkte. Maschinenbau, Lebensmittelverarbeitung und Chemie tragen die Konjunktur, so die EBRD. Auch die Landwirtschaft liefert: Bis Mitte September hatte Kasachstan laut Trend bereits 16,2 Mio. Tonnen Getreide gedroschen. Die Ablieferungen an die Silos lagen anderthalbmal so hoch wie ein Jahr zuvor.

Nachbarn wachsen deutlich schneller

Der Abstand zur Region ist groß. Kirgisistan wuchs im ersten Halbjahr um 11,1 %, für das Gesamtjahr erwartet die EBRD 8,7 %. Usbekistan legte um 8,5 % zu. Dessen Prognose hob die Bank von 6,5 % auf 7,5 % an, die einzige Korrektur unter den fünf Staaten. Tadschikistan wuchs um 8,2 %, prognostiziert sind 7,9 %. Dort steigerten die Exporte mineralischer Produkte den Wert um 57,2 % zum Vorjahr. Für Turkmenistan rechnet die EBRD konstant mit 6,3 % bis einschließlich 2027. Die Treiber ähneln sich in der ganzen Region: staatliche Bauprogramme, wachsende Industrie und ein robuster Konsum, gespeist auch aus Überweisungen der Arbeitsmigranten in Russland. Genau diese Abhängigkeit führt die EBRD zugleich als zentrales Risiko: Eine schwächere russische Wirtschaft träfe Kirgisistan, Tadschikistan und Usbekistan direkt.

Zentralasien und die Mongolei kamen im ersten Halbjahr zusammen auf 5,9 % Wachstum. Für 2026 erwartet die EBRD 5,8 %, nach 6,9 % im Jahr 2025. Für 2027 rechnet sie mit 5,3 %. Damit bleibt Zentralasien die wachstumsstärkste Region im gesamten Einsatzgebiet der Bank, das mehr als 30 Länder von Marokko bis zur Mongolei umfasst. Kasachstan liegt mit 4,7 % klar darunter. Für 2027 traut die EBRD dem Land 4,5 % zu. Die Asiatische Entwicklungsbank (ADB) kam in ihrem ebenfalls am 24. September erschienenen Ausblick auf fast denselben Wert: Sie beließ ihre Kasachstan-Prognose bei 4,8 % für 2026 und 4,5 % für 2027. Zwei Institute, ein Befund: Ohne Öl bleibt der Riese der Region vorerst ein moderater Wachstumsfall.

Notenbank senkt Zinsen und bleibt vorsichtig

Die Geldpolitik stützt die Konjunktur inzwischen wieder. Am 4. September senkte die Nationalbank den Leitzins um 50 Basispunkte auf 16,25 %, die dritte Senkung in Folge. Die Inflation fiel im August auf 9,8 % und war damit nach fast einem Jahr rückläufiger Raten erstmals wieder einstellig. Nahrungsmittel verteuerten sich um 9,5 %, Dienstleistungen um 8,9 %, Industriegüter um 11,4 %. „Die Risikobilanz bleibt in Richtung Inflation geneigt. Deshalb sind wir entschlossen, moderat straffe monetäre Bedingungen beizubehalten“, sagte Notenbankgouverneur Timur Suleimenow laut der englischsprachigen kasachischen Zeitung Astana Times. Sein erklärtes Ziel: eine stabile Teuerung von rund 5 % im Jahr 2028. Auch die Erwartungen der Haushalte entspannen sich, sie sanken zuletzt auf 12,1 % nach 13,4 % im Vormonat. Die nächste Zinsentscheidung steht am 23. Oktober an.

Die Nationalbank selbst ist optimistischer als die EBRD und hält an 4,5 % bis 5,5 % Wachstum für 2026 fest. Ob das obere Ende erreichbar ist, hängt am Öl. Die EBRD nennt drei Risiken für Kasachstan: neue Störungen der Exportrouten, schwächere Nachfrage wichtiger Handelspartner und fallende Rohstoffpreise. Alle drei liegen außerhalb der Kontrolle Astanas. Die Zahlen zeigen zugleich, wie weit die Diversifizierung schon trägt: Industrie und Bau halten das Wachstum über 4 %, obwohl der Ölsektor fast 9 % verliert. Auf diese Probe hätte Astana gern verzichtet, bestanden hat es sie bisher.

Quelle: EBRD, Trend, Trend, Trend, Astana Times, Astana Times (alle EN)

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