6,5 Billionen Tenge aus dem Nationalfonds: Kasachstan startet Bauprogramm bis 2029
Kasachstan entnimmt seinem Nationalfonds bis 2029 rund 14,3 Mrd. US-Dollar für Kliniken, Schulen, Kraftwerke und Transitkorridore, das Fondsziel von 100 Mrd. US-Dollar gerät damit unter Druck.
Zentralasien-Kolumne „Steppe Ahead“
Kasachstan entnimmt seinem Nationalfonds bis Ende 2029 rund 6,5 Billionen Tenge, umgerechnet 14,3 Mrd. US-Dollar. Präsident Kassym-Schomart Tokajew kündigte das Infrastrukturprogramm am 28. Oktober in seiner Rede zur Lage der Nation an. Das Geld fließt in soziale, Verkehrs- und technische Infrastruktur im ganzen Land. Allein 1,5 Billionen Tenge, rund 3,3 Mrd. US-Dollar, sind bis Februar 2027 für Sozialprojekte reserviert.
Bauprogramm: 70 Kliniken, 50 Schulen und ein Hebel für privates Kapital
Tokajew nannte das Vorhaben das womöglich größte Infrastrukturprojekt der Landesgeschichte, berichtet die englischsprachige Regierungszeitung The Astana Times. Das Jahr 2027 soll zum Jahr des landesweiten Bauens werden. Geplant sind rund 70 Gesundheitseinrichtungen sowie etwa 50 Bildungs-, Sport- und Kultureinrichtungen, meldet das regionale Nachrichtenportal The Times of Central Asia. „Staatliche Mittel müssen zur Garantie für die Gewinnung privater Investitionen werden“, sagte Tokajew laut The Astana Times. Die Initiative solle Hunderttausenden Menschen Arbeit geben.
Die Kasse dafür ist gefüllt. Der Nationalfonds hielt Ende September 66,7 Mrd. US-Dollar, 4,3 % mehr als zu Jahresbeginn. Zusammen mit den Gold- und Devisenreserven übersteigen die staatlichen Reserven 130 Mrd. US-Dollar. Auch die Konjunktur stützt den Plan: Die Wirtschaft wuchs in den ersten neun Monaten um 4,2 %. Private Investitionen legten laut Vizepremier Serik Schumangarin um 18,2 % zum Vorjahr zu und trieben damit das gesamte Investitionswachstum. Die Exporte von Waren und Dienstleistungen stiegen im ersten Halbjahr um 25,4 % auf 55,3 Mrd. US-Dollar. Ausländische Direktinvestitionen brachten im selben Zeitraum brutto 9,4 Mrd. US-Dollar ins Land. Nur die Inflation trübt das Bild: Sie lag im September bei 9,3 %, nach 9,8 % im August.
Stromdefizit und Transitkorridore als Engpässe
Das Programm zielt auf zwei Schwachstellen. Erstens Energie: 2025 erzeugte Kasachstan 123,1 Mrd. kWh Strom, verbrauchte aber 124,6 Mrd. kWh. Das Defizit von rund 1,5 Mrd. kWh deckten Importe, so der Netzbetreiber KEGOC laut The Times of Central Asia. Im Winter kauft das Land teuren Strom ein, im Sommer exportiert es billig. Tokajew will das beenden und bis 2029 einen dauerhaften Stromüberschuss erreichen. In diesem Jahr sollen rund 2,4 GW konventionelle Kraftwerkskapazität ans Netz gehen. Zugleich kritisierte der Präsident Verzögerungen, etwa beim Wärmekraftwerk Balchasch und bei Projekten in Ekibastus. Der Bau des Kernkraftwerks Balchasch soll bereits 2027 beginnen. Eine strategische Uranreserve soll die Meiler langfristig versorgen.
Zweitens Logistik: Rund 85 % der Landfracht zwischen China und Europa läuft über Kasachstan. „Die Verwundbarkeit der Seewege hat die strategische Bedeutung der Landkorridore erhöht“, sagte Tokajew. Bis Ende 2027 sollen alle Straßengrenzübergänge erneuert sein. Die 272 km lange Bahnstrecke Bachty-Ajagos an der chinesischen Grenze soll 2027 öffnen. Sie hebt die Frachtkapazität in Richtung China von 28 auf 48 Mio. t pro Jahr. Dazu kommt die rund 800 km lange Autobahn Aral-Kaspi. Sie verkürzt die Route zum Kaspischen Meer um etwa 1.000 km und die Lieferzeit um drei Tage. Auch die Abläufe sollen moderner werden. „Im Zeitalter der künstlichen Intelligenz globale Transitströme mit Papierfrachtbriefen zu verwalten, ist absurd“, sagte Tokajew zur Digitalisierung des Transportsektors.
Finanzierung aus dem Ölfonds bleibt umstritten
Zum Paket gehört auch Kaufkraft. Der Mindestlohn steigt zum 1. Januar 2027 von 85.000 auf 110.000 Tenge, rund 240 US-Dollar. Laut Tokajew profitieren davon 1,8 Mio. Beschäftigte. Offen bleibt, was die Entnahmen für den Fonds selbst bedeuten. Die kasachische Wirtschaftszeitung Kursiv erinnert daran, dass der Fonds bis 2030 auf 100 Mrd. US-Dollar wachsen soll. Schon für 2025 überstiegen die geplanten Transfers von 5,2 Billionen Tenge die erwarteten Fondserträge von 4,8 Billionen Tenge. Nationalbankchef Timur Suleimenow und Senatoren hatten deshalb wiederholt geringere und strenger geregelte Entnahmen gefordert.
Auch die Umsetzung wirft Fragen auf. Der politische Analyst Gasis Abischew verweist laut The Astana Times auf knappe Haushaltsmittel bei sinkenden Öleinnahmen. Der Energieanalyst Askar Ismailow erinnert an das gestoppte Öllagerprojekt in Atyrau: Großvorhaben scheitern in Kasachstan immer wieder an der Wirtschaftlichkeit. Dazu kommt die regionale Schieflage. Almaty, Astana und Schymkent erwirtschafteten 2025 zusammen 38,7 % des BIP. Expertin Olga Kaldybajewa vom Kazakhstan Institute for Strategic Studies fordert deshalb, das Bauprogramm auch auf ländliche Regionen auszudehnen. Die Rechnung des Präsidenten geht nur auf, wenn privates Kapital den staatlichen Mitteln tatsächlich folgt. Sonst baut der Staat auf eigene Rechnung, und der Ölfonds schrumpft schneller, als er wächst.
Quelle: The Astana Times, The Times of Central Asia, Trend, The Astana Times (Expertenstimmen), Kursiv (alle EN)