Zentralasien ist zu einem neuen geopolitischen Wettbewerbsschauplatz geworden – diesmal im Bereich der Entwicklungsfinanzierung. Während die G7-Staaten über internationale Institutionen versuchen, ihre wirtschaftliche Präsenz auszubauen, verstärkt China seinen Einfluss mit eigenen Finanzinstrumenten und Infrastrukturprojekten.
Im Zentrum dieser Konkurrenz stehen zwei Entwicklungsbanken: die von westlichen Staaten dominierte Asiatische Entwicklungsbank (ADB) mit Sitz in Manila und die von China geprägte Asiatische Infrastrukturinvestitionsbank (AIIB).
Infrastruktur als geopolitisches Instrument
Die Asiatische Entwicklungsbank kündigte jüngst umfangreiche Investitionen an, um die Infrastruktur und Handelsverbindungen in Zentralasien auszubauen. Ein Schwerpunkt liegt dabei auf der Förderung des sogenannten „Mittleren Korridors“, einer Handelsroute zwischen Europa und Asien, die Russland umgeht und zunehmend von den USA unterstützt wird.
Symbolisch für die wachsende Aufmerksamkeit ist auch die kommende Jahrestagung der ADB: Sie findet Anfang Mai im usbekischen Samarkand statt – ein deutliches Signal für die strategische Bedeutung der Region.
China reagierte prompt. Die neue AIIB-Präsidentin Zou Jiayi bereiste mehrere zentralasiatische Staaten und traf sich mit Spitzenpolitikern in Kasachstan, Usbekistan, Kirgisistan und Tadschikistan.
Konkrete Vereinbarungen wurden bei der Reise zwar nicht unterzeichnet. Doch Zou betonte, dass die Gespräche wichtige Hinweise für künftige Investitionen geliefert hätten. „Wenn wir heute zuhören, können wir morgen besser investieren“, erklärte sie.
Im Mittelpunkt der Gespräche standen Themen wie erneuerbare Energien, Klimaschutz, Wasserressourcen, Digitalisierung sowie der Ausbau regionaler Verkehrsverbindungen.
Die AIIB hat nach eigenen Angaben bislang rund acht Milliarden Dollar in Zentralasien investiert – etwa elf Prozent ihres gesamten Kreditportfolios.
Neue Handelsrouten im Schatten geopolitischer Krisen
Parallel zu diesem Wettbewerb um Entwicklungsfinanzierung verschieben sich auch die Handelsrouten der Region. Angesichts der Instabilität im Persischen Golf werben chinesische Logistikunternehmen verstärkt für Landtransporte zwischen China und Europa über Zentralasien und Russland.
Diese Routen gelten derzeit als weniger anfällig für maritime Engpässe als die traditionellen Seewege über den Suezkanal und das Rote Meer.
Auch politisch rückt die Region stärker in den Fokus. Die von China dominierte Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit (SCO), der vier der fünf zentralasiatischen Staaten angehören, verurteilte jüngst den Einsatz militärischer Gewalt im Nahen Osten und betonte die Bedeutung der territorialen Integrität Irans.
Die Regierungen Zentralasiens selbst reagierten auf die Krise deutlich vorsichtiger und vermieden eine klare Positionierung.
Kasachstan setzt auf Wasser- und Rechtskooperation
Kasachstan versucht parallel, seine internationalen Netzwerke auszubauen. Das Land intensiviert Ausbildungsprogramme im Bereich der sogenannten Wasserdiplomatie – ein Thema, das angesichts zunehmender Wasserknappheit in der Region politisch immer sensibler wird.
Zudem unterzeichnete Präsident Kassym-Jomart Tokajew ein Abkommen mit Hongkong über juristische Zusammenarbeit, das gegenseitige Rechtshilfe bei Ermittlungen und Strafverfahren vorsieht.
Kirgisistan sucht Investoren aus China
Kirgisistan bemüht sich derweil verstärkt um chinesische Investitionen. Vizepremier Edil Baisalov reiste in die chinesische Provinz Shandong, um Investoren für neue Industrieprojekte zu gewinnen.
Parallel läuft die Modernisierung der größten Ölraffinerie des Landes, Zhongda, die mehr als 190 Millionen Dollar kostet. Nach Abschluss der Arbeiten soll die Anlage Kraftstoffe nach modernen Umweltstandards produzieren.
Weitere Projekte mit chinesischer Beteiligung reichen vom Bau von Wasseraufbereitungsanlagen bis zur Errichtung einer neuen Steinbrechanlage nahe der Hauptstadt Bischkek.
China gewinnt als Handelspartner Usbekistans an Gewicht
Auch in Usbekistan wächst der wirtschaftliche Einfluss Pekings. Zu Jahresbeginn entfiel mehr als ein Viertel des gesamten Außenhandels des Landes auf China – deutlich mehr als noch ein Jahr zuvor.
Ein vielbeachtetes chinesisch-usbekisches Wirtschaftsforum in Taschkent blieb allerdings hinter den Erwartungen zurück: Große Investitionsabkommen wurden nicht bekanntgegeben.
Parallel untersucht die usbekische Antikorruptionsbehörde mutmaßliche Unregelmäßigkeiten bei offiziellen Delegationsreisen nach China.
Turkmenistan öffnet Grenze für Flüchtende
Turkmenistan geriet zuletzt ebenfalls in den Fokus der regionalen Entwicklungen. Das Land öffnete seine Grenze für ausländische Staatsbürger, die vor den Kämpfen im Iran fliehen.
Unter den Menschen, die seit Ende Februar nach Turkmenistan eingereist sind, befinden sich nach Angaben chinesischer Medien auch mehrere chinesische Staatsbürger.

