Zentralasien-Kolumne „Steppe Ahead“, Autor: Thomas Baier
Turkmenistan und Afghanistan haben am 10. August die erste Kaufvereinbarung für Gas aus der TAPI-Pipeline unterzeichnet. Der Staatskonzern Türkmengaz und das afghanische Staatsunternehmen Afghan Gas schlossen im Grenzort Torghundi eine Absichtserklärung über Preis, Menge und Verteilung künftiger Lieferungen. Auf dem ersten Teilstück von Serhetabat nach Herat liegen bereits 123 Kilometer Rohr. Im Endausbau soll die Leitung 33 Mrd. Kubikmeter Gas pro Jahr nach Afghanistan, Pakistan und Indien bringen.
Absichtserklärung regelt Preis, Menge und Verteilung
Turkmenistans Nationaler Führer Gurbanguly Berdimuhamedow und Afghanistans Vize-Regierungschef für Wirtschaft, Abdul Ghani Baradar, begleiteten die Unterzeichnung. Laut der chinesischen Staatsagentur Xinhua regelt das Dokument drei Punkte: den Gaspreis, Afghanistans Abnahmemenge und die Verteilung im Land. Baradar drängte auf eine Preisformel, die Afghanistan von Ausschlägen der europäischen Gasmärkte abschirmt. Das berichtet das auf die Region spezialisierte Nachrichtenportal News Central Asia (nCa). Er forderte laut nCa „ein langfristiges Gasabkommen mit einfachen Bedingungen und einem flexiblen Mechanismus zur Vertragsüberprüfung“. Beide Seiten setzten zudem ein technisches Komitee ein. Es soll TAPI, eine Stromtrasse sowie Glasfaser- und Bahnprojekte überwachen. Eine zweite Vereinbarung betrifft ein Gasverteilnetz in der Provinz Herat. Es soll Industriebetriebe und Haushalte anschließen. Damit entsteht erstmals nennenswerte Nachfrage im Land selbst. Das Projekt TAPI stammt aus den 1990er Jahren. Kriege und Finanzierungsfragen stoppten es immer wieder. Die geplante Trasse misst mehr als 1.800 Kilometer und endet im indischen Fazilka. Ein fester Abnahmevertrag mit Kabul würde dem Vorhaben erstmals zahlende Kundschaft sichern.
Baufortschritt: 123 Kilometer in zehn Monaten
Auf der Etappe von Serhetabat nach Herat sind laut nCa 123 Kilometer verlegt, weitere 30 Kilometer sind im Bau. Rund 300 Spezialmaschinen und mehr als 120 Arbeiter stehen im Einsatz. Das Tempo hat kräftig angezogen. Im Oktober 2025 meldete das US-Fachportal Eurasianet erst 14 verlegte Kilometer auf afghanischem Boden. Turkmenistan und die Taliban-Regierung hatten den Bau des afghanischen Abschnitts im September 2024 neu gestartet. Für Kabul geht es um mehr als Eigenversorgung: Eurasianet beziffert mögliche Transiteinnahmen im Endausbau auf über 1 Mrd. US-Dollar pro Jahr. Baradar erklärte laut nCa, die Restarbeiten in Herat lägen im Zeitplan. Turkmenistan will zudem mehr afghanische Fachkräfte für den Gassektor ausbilden, als Vorbereitung auf den TAPI-Betrieb. Die Pipeline ist Teil eines größeren Korridor-Pakets. In Torghundi besprachen beide Seiten auch die Wiederbelebung des Lapis-Lazuli-Korridors nach Aserbaidschan, Georgien und in die Türkei. Dazu kommen der Ausbau der Bahnstrecke Herat-Torghundi und die Wiederöffnung des Grenzübergangs Aqina für Öltransporte. Berdimuhamedow schlug eine gemeinsame Wirtschaftskommission und einheitliche Logistikzentren vor. Turkmenistan positioniert seinen Kaspi-Hafen Turkmenbaschi damit als Drehscheibe für den Afghanistan-Handel.
Ausweg aus der China-Abhängigkeit
Für Aschgabat ist die Vereinbarung vor allem ein Diversifizierungssignal. Bislang hängt der Gasexport fast vollständig an China. 2025 lieferte Turkmenistan laut Chinas Botschafter Ji Shumin rund 30 Mrd. Kubikmeter dorthin; das meldet das Energieportal OilPrice.com. Aschgabat selbst nennt 40 Mrd. Kubikmeter, eine Datenlücke von rund 25 %. Das Geschäft ist lukrativ: Allein im ersten Quartal 2024 brachte der China-Export laut Eurasianet 2,4 Mrd. US-Dollar ein. Doch die drei bestehenden Leitungen nach Osten sind auf 55 Mrd. Kubikmeter ausgelegt und laufen deutlich unter Kapazität. Die geplante vierte China-Leitung (Linie D) liegt seit 2014 wegen Preisstreits auf Eis. Peking diktiert als Quasi-Monopolkunde die Konditionen. TAPI wäre der erste große Absatzkanal nach Süden. Die Staatsstatistik meldet zugleich Wachstum: Laut der Times of Central Asia, einem englischsprachigen Regionalmedium, stieg das BIP im ersten Halbjahr 2026 offiziell um 6,3 %, der Außenhandel um 7,5 %. Der IWF hält die offiziellen Daten für kaum belastbar und erwartet 2026 nur 2,4 % Wachstum. Ob aus der Absichtserklärung ein Liefervertrag wird, entscheidet die Preisformel. Diese Verhandlungen laufen jetzt. Ungeklärt ist zudem die Finanzierung der Abschnitte in Pakistan und Indien. Beide Länder melden seit Jahren keinen Baufortschritt. Kurzfristig realistisch ist deshalb nur die erste Phase bis Herat: Gas für afghanische Haushalte und Industriebetriebe. Für Aschgabat zählt schon das Signal. Ein Exportmarkt, der jahrzehntelang nur eine Tür nach China hatte, bekommt eine zweite nach Süden.
Quelle: nCa, nCa (Herat), Xinhua, Eurasianet, OilPrice.com, Times of Central Asia (alle EN)

