Die Wasserknappheit entwickelt sich zunehmend zu einer der größten Herausforderungen für die nachhaltige Entwicklung Zentralasiens. Experten aus den USA warnten vor Defiziten bei der regionalen Steuerung der Wasserressourcen und diskutierten darüber, wie die Vereinigten Staaten die Länder der Region bei der Bewältigung dieser Herausforderungen unterstützen könnten.
Dania Arayssi, Koordinatorin des Zentralasien-Zentrums am Washingtoner New Lines Institute for Strategy and Policy, betonte, dass Wasserfragen inzwischen zu den zentralen Herausforderungen für die Regierungen der Region zählen. Sie beeinflussten nicht nur die wirtschaftliche Entwicklung, sondern auch die soziale Stabilität.
Das Institut unterstützt das Konzept der „Silk Seven Plus“, das die Schaffung einer enger integrierten zentralasiatischen Wirtschaftsgemeinschaft vorsieht. Eine stärkere Zusammenarbeit beim Wassermanagement könne dabei als wichtiger Katalysator dienen.
Die Vereinigten Staaten zeigen zugleich wachsendes Interesse an einer Vertiefung ihrer wirtschaftlichen Beziehungen zu Zentralasien. Darauf deutet unter anderem der C5+1-Gipfel hin, der im vergangenen Jahr in Washington stattfand. Beobachter sehen darin die Grundlage für zusätzliche US-Investitionen in Industrie, IT, Landwirtschaft und Infrastruktur.
„Für die Entwicklung von KI-Anwendungen, Rechenzentren und modernen Energieprojekten werden erhebliche Wassermengen benötigt“, sagte Arayssi. „Deshalb besteht ein großes Interesse daran, langfristige Lösungen für die Wasserproblematik zu finden. Ein funktionierendes Wassermanagement kann das wirtschaftliche Potenzial Zentralasiens erheblich stärken.“
Fehlende Durchsetzung schwächt bestehende Institutionen
Grundsätzlich existieren bereits regionale Strukturen für die gemeinsame Wasserbewirtschaftung. Dazu gehören der Internationale Fonds zur Rettung des Aralsees (IFAS) sowie die Zwischenstaatliche Koordinierungskommission für Wassermanagement in Zentralasien (ICWC).
Nach Ansicht von Arayssi fehlt beiden Institutionen jedoch die Möglichkeit, die Umsetzung ihrer Entscheidungen wirksam durchzusetzen.
„Solange diese Organisationen keine effektiven Mechanismen zur Kontrolle und Durchsetzung ihrer Beschlüsse besitzen, werden sie ihre Aufgaben nur eingeschränkt erfüllen können“, erklärte sie.
Eine ähnliche Einschätzung vertritt Wilder Alejandro Sanchez, Präsident des Beratungsunternehmens Second Floor Strategies in Washington.
„Eine regionale Wasserkommission kann ein wichtiger Schritt sein. Entscheidend ist jedoch, dass ihre Empfehlungen von den Regierungen tatsächlich umgesetzt werden“, sagte Sanchez.
China spielt eine Schlüsselrolle
Arayssi verwies zudem auf die Bedeutung Chinas für die Wasserzukunft Zentralasiens. Peking entnimmt erhebliche Wassermengen aus grenzüberschreitenden Flüssen für die Bewässerung landwirtschaftlicher Flächen in Xinjiang. Dies verschärft insbesondere die Wasserknappheit im benachbarten Kasachstan.
Astana bemüht sich seit Jahren um einen intensiveren Dialog mit China über die gemeinsame Nutzung der Wasserressourcen.
„Wenn China tatsächlich ein strategischer Partner Kasachstans sein möchte, sollte es mehr Bereitschaft zeigen, bei Wasserfragen gemeinsame Lösungen zu entwickeln“, sagte Arayssi.
Veraltete Infrastruktur verschärft die Krise
Neben institutionellen Schwächen belastet vor allem die marode Infrastruktur die Wasserwirtschaft der Region. Experten schätzen, dass bis zu 40% des Bewässerungswassers aufgrund veralteter Systeme, Leckagen und unbefestigter Kanäle verloren gehen.
Nach Ansicht von Arayssi könnten moderne Technologien aus den USA und Europa dazu beitragen, den Wasserverbrauch deutlich zu senken und gleichzeitig die fortschreitende Wüstenbildung landwirtschaftlicher Flächen einzudämmen.
Sanchez verwies jedoch darauf, dass die Einstellung vieler Programme der ehemaligen US-Entwicklungsbehörde USAID internationale Hilfsmaßnahmen erschwert habe.
„Viele Projekte zur Verbesserung der Wassersicherheit sind vergleichsweise kostengünstig und würden sowohl der Bevölkerung als auch den Beziehungen zwischen Zentralasien und den USA zugutekommen“, sagte er. „Leider genießen Umwelt- und Wasserfragen derzeit in Washington nicht die höchste Priorität.“
Internationale Vorbilder für Zentralasien
Experten betonen, dass Wasser- und Energiepolitik in Zentralasien eng miteinander verknüpft sind. Daher könnten internationale Modelle wertvolle Orientierung bieten.
Als Beispiel nannte Arayssi die Tennessee Valley Authority (TVA) in den USA. Die in den 1930er-Jahren gegründete Organisation koordiniert bis heute erfolgreich Wasserwirtschaft, Energieerzeugung und regionale Entwicklung über mehrere Bundesstaaten hinweg.
Ein vergleichbares europäisches Modell sei die Internationale Kommission zum Schutz der Donau (ICPDR), die den Schutz und die nachhaltige Nutzung eines grenzüberschreitenden Flusssystems koordiniert.
Sanchez verwies zudem auf weitere erfolgreiche internationale Kooperationen, darunter das gemeinsame Management des Dnjestr-Flussbeckens durch Moldau und die Ukraine sowie die Zusammenarbeit zwischen Peru und Bolivien beim Schutz des Titicacasees.
Internationale Erfahrungen zeigten, dass nachhaltiges Wassermanagement nur durch langfristige Planung, stabile Finanzierung und die konsequente Umsetzung gemeinsamer Entscheidungen möglich sei. Unterstützung durch die USA, die Europäische Union und internationale Finanzinstitutionen könne wichtige Impulse liefern. Die eigentliche Verantwortung liege jedoch bei den Staaten Zentralasiens selbst.
„Lösungen können nicht von außen aufgezwungen werden“, sagte Arayssi. „Letztlich müssen die zentralasiatischen Länder selbst die schwierigen Entscheidungen treffen und gemeinsam handeln.“


