2,5 Mio. Tonnen nach Schwedt: Kasachstan beantragt Wiederaufnahme der Druschba-Lieferungen
Kasachstan hat Russland am 4. November offiziell um die Wiederaufnahme der Öllieferungen durch die Druschba-Pipeline nach Schwedt gebeten: Es geht um bis zu 2,5 Mio. Tonnen pro Jahr.
Zentralasien-Kolumne „Steppe Ahead“
Seit dem 1. Mai fließt kein kasachisches Öl mehr durch die Druschba-Pipeline nach Schwedt. Am 4. November hat Energieminister Jerlan Akkenschenow offiziell die Wiederaufnahme des Transits beantragt. Es geht um bis zu 2,5 Mio. Tonnen pro Jahr und um Kasachstans einzigen direkten Pipelinezugang zum deutschen Markt. Die Antwort aus Moskau steht aus.
Antrag persönlich übergeben: Astana wartet auf Moskau
Akkenschenow machte den Schritt am 4. November auf einer Pressekonferenz publik. „Ich habe den offiziellen Antrag persönlich übergeben. Die kasachische Seite wartet auf eine Antwort der russischen Seite zur Wiederaufnahme der Lieferungen. Wir haben die technischen Möglichkeiten dafür“, sagte der Minister laut der aserbaidschanischen Nachrichtenagentur Trend.
Russland hatte den Transit über den Nordstrang der Druschba zum 1. Mai gestoppt. Als Begründung nannte Moskau technische Einschränkungen auf dem russischen Abschnitt. Vizepremier Alexander Nowak sprach bereits im April von begrenzten technischen Kapazitäten. Eine offizielle Mitteilung über einen Stopp erhielt Astana nach eigenen Angaben zunächst nicht. Dabei wuchs das Geschäft bis dahin stetig: 2023 schickte Kasachstan 1 Mio. Tonnen über die Route, 2025 bereits 2,1 Mio. Tonnen. Erst im Oktober 2025 hatten beide Seiten den Transit bis Ende 2026 verlängert. Für 2026 waren laut Trend 2,5 Mio. Tonnen geplant, die Times of Central Asia, ein englischsprachiges Regionalmedium, nennt sogar rund 3 Mio. Tonnen. Von Januar bis April kamen nach Daten der russischen Nachrichtenagentur Interfax noch 1,02 Mio. Tonnen in Deutschland an, dann war Schluss. Die Times of Central Asia berichtet zudem von Drohnenangriffen auf die Zubringerleitung Atyrau-Samara am 2. November. Der Betrieb lief einen Tag später wieder an. Der Vorfall zeigt, wie verwundbar der Weg nach Westen bleibt.
Ausweichrouten: mehr Tanker, mehr Kaukasus
Nach dem Stopp leitete Kasachstan die Mengen um. Allein im Mai gingen laut Times of Central Asia 260.000 Tonnen auf andere Wege, davon 160.000 Tonnen über das CPC-System zum Schwarzen Meer und 100.000 Tonnen über den russischen Ostseehafen Ust-Luga. Beide Ausweichrouten ersetzen den Pipelineweg nach Schwedt nur unvollständig: Sie enden am Tanker, nicht an der Raffinerie. Das CPC-System bleibt mit 64,8 Mio. Tonnen im Jahr 2025 die mit Abstand dominierende Exportroute, auch sie führt über russisches Gebiet. Die Leitung Atyrau-Samara transportierte 2025 rund 9,3 Mio. Tonnen. Daneben wächst der Weg über das Kaspische Meer: Über den Hafen Aktau und die Pipeline Baku-Tiflis-Ceyhan verschiffte Kasachstan in den ersten neun Monaten 2026 rund 1,16 Mio. Tonnen, 24 % mehr als im Vorjahreszeitraum. Das Jahresziel liegt bei 1,7 Mio. Tonnen. Die Förderung insgesamt sinkt jedoch: Für 2026 erwartet das Energieministerium 96 Mio. Tonnen Öl und Kondensat nach 99,4 Mio. Tonnen im Jahr 2025. Erst 2027 soll die Produktion wieder auf rund 99 Mio. Tonnen steigen.
Schwedt kommt derzeit ohne kasachisches Öl aus
Für die Raffinerie PCK in Schwedt war kasachisches Öl vor dem Stopp ein Stützpfeiler. Die Times of Central Asia beziffert den Anteil auf 17 % des Rohöleinsatzes. Der Nordkurier, eine Regionalzeitung in Nordostdeutschland, nannte im Mai 20 bis 30 %. Die Raffinerie deckt rund 90 % des Bedarfs an Benzin, Diesel, Kerosin und Heizöl in Berlin und Brandenburg. Die Mehrheitsanteile des russischen Eigentümers Rosneft stehen in Deutschland unter Treuhandverwaltung. Nach dem Lieferstopp im Mai warnte der Betriebsrat zunächst vor einer Drosselung des Betriebs. Dann ersetzte PCK die kasachischen Mengen durch Öl über die Häfen Rostock und Danzig. Ende Oktober lag die Auslastung laut Times of Central Asia über 86 %, deutlich über der Schwelle von 70 %, die der Nordkurier als Grenze für einen wirtschaftlichen Betrieb nennt. Kurzfristig fehlt das kasachische Öl in Schwedt also nicht.
Für Astana steht dennoch viel auf dem Spiel. Kasachisches Öl läuft unter der eigenen Marke KEBCO und fällt nicht unter die EU-Sanktionen gegen russisches Rohöl. Die Druschba bringt bessere Margen als der Umweg per Tanker und bindet Kasachstan direkt an einen europäischen Abnehmer. Zugleich zeigt der Fall die Grenzen der kasachischen Diversifizierung: Ob Druschba, CPC oder Ust-Luga, fast jeder Exportweg führt über russisches Territorium. Der Kaspi-Korridor wächst zwar zweistellig, bleibt mit 1,7 Mio. Tonnen pro Jahr aber ein Nischenpfad. Offen ist, ob Moskau den Antrag bewilligt, zu welchen Bedingungen und wie schnell. Je länger die Leitung leer bleibt, desto fester etablieren sich in Schwedt die Alternativen aus Danzig und Rostock. Die Antwort aus Moskau wird damit zum Test, wie verlässlich der Transit durch Russland für Kasachstan noch ist.
Quelle: Times of Central Asia, Trend (EN) Nordkurier (DE)