Defizit verdoppelt: Usbekistans Handelslücke wächst auf 9,7 Mrd. US-Dollar
Usbekistans Importe steigen um 17,8 %, die Exporte sinken um 3,6 %: Nach sieben Monaten 2026 klafft eine Handelslücke von 9,7 Mrd. US-Dollar, mehr als doppelt so viel wie im Vorjahr.
Zentralasien-Kolumne „Steppe Ahead“
Usbekistans Handelsdefizit hat sich binnen eines Jahres mehr als verdoppelt: von 4,4 Mrd. auf 9,7 Mrd. US-Dollar in den ersten sieben Monaten 2026. Die Importe stiegen von Januar bis Juli um 17,8 % auf 29,6 Mrd. US-Dollar. Die Exporte sanken um 3,6 % auf 19,9 Mrd. US-Dollar. Das meldete die aserbaidschanische Nachrichtenagentur Trend am 8. September unter Berufung auf das nationale Statistikkomitee in Taschkent.
Maschinen treiben die Einfuhren
Der gesamte Außenhandelsumsatz wuchs um 8,1 % auf 49,5 Mrd. US-Dollar. Das Wachstum kommt fast allein von der Importseite. Größter Posten sind Maschinen und Transportausrüstung: 9,7 Mrd. US-Dollar, ein Plus von 20 % und fast ein Drittel aller Einfuhren. Chemieprodukte legten um 15,6 % auf 3,6 Mrd. US-Dollar zu. Am schnellsten wuchsen die Lebensmittelimporte: um 41,9 % auf 3,3 Mrd. US-Dollar. Hinzu kamen Dienstleistungsimporte von 3,6 Mrd. US-Dollar und sonstige Fertigwaren, die um 14 % auf 1,0 Mrd. US-Dollar zulegten.
Hinter dem Importsog steht ein Investitionsboom. Laut der Eurasischen Entwicklungsbank (EDB) stiegen die Anlageinvestitionen im ersten Halbjahr um 17,5 % zum Vorjahr, mehr als doppelt so schnell wie die Wirtschaftsleistung. Das Bruttoinlandsprodukt wuchs im selben Zeitraum um 8,5 %, so stark wie in keinem ersten Halbjahr der vergangenen fünf Jahre. Wichtigster Lieferant bleibt China mit einem bilateralen Handel von 11,3 Mrd. US-Dollar, das sind 22,7 % des Gesamtumsatzes. Dahinter folgen Russland mit 8,1 Mrd. und Kasachstan mit 3,3 Mrd. US-Dollar. Auf die drei Länder entfällt knapp die Hälfte des usbekischen Außenhandels.
Goldpause drückt die Exporte
Der Exportrückgang hat vor allem einen Grund: Gold. 2025 war das Edelmetall Usbekistans wichtigste Einnahmequelle. In den ersten neun Monaten 2025 verkaufte die Zentralbank Gold für 9,8 Mrd. US-Dollar ins Ausland, mehr als 37 % aller Exporte, wie die Nachrichtenagentur Fergana unter Berufung auf das Statistikkomitee berichtete. 2026 stoppte Taschkent die Verkäufe für rund ein halbes Jahr und nahm sie erst im April wieder auf. Laut dem usbekischen Nachrichtenportal Kun.uz brachen die Goldexporte in den ersten fünf Monaten um 76,8 % ein: In diesem Zeitraum verkaufte die Zentralbank nur im April, für 1,5 Mrd. US-Dollar. Im Vorjahreszeitraum waren es 6,5 Mrd. US-Dollar.
Wie tief die Lücke zwischenzeitlich war, zeigt der Fünfmonatsstand. Ende Mai lag das Defizit laut Kun.uz bei 7,5 Mrd. US-Dollar, die Exporte lagen 15,5 % unter dem Vorjahr. Bis Juli schrumpfte das Minus bei den Ausfuhren auf 3,6 %. Die Erholung spricht dafür, dass die Goldverkäufe wieder Fahrt aufnehmen. Der Goldpreis nahe historischer Höchststände macht jede Verkaufsrunde lukrativer als im Vorjahr.
Ohne Gold sieht die Bilanz besser aus. Die usbekische Ausgabe der kasachischen Wirtschaftszeitung Kursiv beziffert das Wachstum der Nicht-Gold-Exporte im ersten Halbjahr auf 28,7 %. Treiber sind Dienstleistungen: Laut Kun.uz stiegen ihre Ausfuhren in den ersten fünf Monaten um 34,9 % auf 4,6 Mrd. US-Dollar, davon 2,24 Mrd. aus dem Tourismus und 1,66 Mrd. aus Transportleistungen. In der Exportstruktur des ersten Halbjahrs stellten Dienstleistungen laut Kursiv 39,1 %, Industriegüter 15,2 % und Textilien 10,1 %. Die Warenexporte jenseits des Goldes wachsen also, nur von einer niedrigen Basis.
Defizit braucht Finanzierung
Ein Warendefizit dieser Größenordnung muss das Land über Dienstleistungen, Überweisungen der Arbeitsmigranten, Kredite und Direktinvestitionen decken. Trend wertet das Importwachstum als Aufbau produktiver Kapazitäten, warnt aber: Bleibt das Exportwachstum aus, gerät die Außenfinanzierung unter Druck. Die Entwicklungsbanken halten dagegen. „Ohne Usbekistan ist Investitionstätigkeit in der Region schwer vorstellbar“, sagte EDB-Chef Nikolai Podguzov dem usbekischen Nachrichtenportal Daryo. Die Bank hat für Usbekistan ein Investitionsprogramm von 1,5 Mrd. US-Dollar aufgelegt. Es zielt auf Transportkorridore, erneuerbare Energien, digitales Banking und Wassersicherheit. Für das Gesamtjahr 2026 rechnet die EDB laut Daryo mit knapp 8 % Wirtschaftswachstum in Usbekistan.
Die offene Frage lautet: Wie schnell werden aus importierten Maschinen exportfähige Fabriken? Fast ein Drittel der Einfuhren sind Investitionsgüter, das spricht für Kapazitätsaufbau statt Konsumrausch. Der Sprung bei den Lebensmittelimporten um 41,9 % zeigt aber auch: Ein Teil des Importbooms speist die Binnennachfrage und kehrt nicht als Exporterlös zurück. Kurzfristig hat Taschkent einen Puffer, denn die Goldreserven der Zentralbank lassen sich zu Rekordpreisen versilbern. Strukturell zeigt die Bilanz, dass Usbekistans Modernisierung auf Jahre hinaus mehr Devisen verschlingt, als der Export einspielt. Das Defizit von 9,7 Mrd. US-Dollar ist der Preis des Booms.
Quelle: Trend, Trend, Kursiv Uzbekistan, Kun.uz, Fergana, Daryo (alle EN)