Die osteuropäischen Mitgliedstaaten der Europäischen Union stehen zunehmend unter dem Druck einer schrumpfenden und alternden Bevölkerung. Neue Daten des EU-Statistikamts Eurostat zeigen, dass sich die demografischen Herausforderungen durch Bevölkerungsrückgang, niedrige Geburtenraten und anhaltende Abwanderung weiter verschärfen.
Während die Gesamtbevölkerung der EU zum 1. Januar 2025 leicht auf 451 Millionen Menschen anstieg – rund eine Million mehr als im Vorjahr –, verzeichneten viele osteuropäische Staaten weiterhin deutliche Bevölkerungsverluste.
Über den Zeitraum von 2005 bis 2025 wuchs die Bevölkerung der EU insgesamt um 4%. Acht Mitgliedstaaten mussten jedoch Bevölkerungsrückgänge hinnehmen, die überwiegend in Mittel- und Osteuropa lagen.
Laut Eurostat verzeichneten Lettland (-17%), Bulgarien (-16%), Litauen (-14%), Rumänien (-11%) und Kroatien (-10%) die stärksten relativen Rückgänge.
Rumänien und Polen verloren in absoluten Zahlen jeweils rund zwei Millionen Einwohner innerhalb von 20 Jahren, während Bulgariens Bevölkerung um etwa eine Million Menschen schrumpfte.
Diese Entwicklung verdeutlicht die langfristigen Folgen von Auswanderung, niedriger Geburtenrate und einer alternden Bevölkerung in Osteuropa. Gleichzeitig stützen viele westeuropäische Staaten ihr Bevölkerungswachstum zunehmend durch Zuwanderung.
Alternde Gesellschaften belasten Arbeitsmärkte
Polen, einst eine der jüngsten Gesellschaften Europas, altert inzwischen besonders schnell. Der Anteil der Bevölkerung ab 65 Jahren stieg dort zwischen 2005 und 2025 um acht Prozentpunkte – der höchste Anstieg innerhalb der EU.
Zum 1. Januar 2025 lebten in der Europäischen Union insgesamt 99 Millionen Menschen im Alter von 65 Jahren oder älter. Ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung lag damit bei 22%.
In vielen osteuropäischen Ländern beschleunigt sich die Alterung zusätzlich, da jüngere Arbeitskräfte häufig in wirtschaftlich stärkere EU-Staaten abwandern. Besonders stark nahm der Anteil der über 80-Jährigen in Lettland, Litauen, Estland und Kroatien zu.
Geburtenraten bleiben deutlich zu niedrig
Parallel dazu sinken die Geburtenraten weiter. Im Jahr 2024 lag die durchschnittliche Fertilitätsrate in der EU bei lediglich 1,34 Kindern je Frau und damit deutlich unter dem Bestandserhaltungsniveau von 2,1 Kindern.
Zwar verzeichnete Bulgarien mit 1,72 Kindern pro Frau die höchste Geburtenrate der EU, dennoch weisen viele osteuropäische Staaten weiterhin eine negative natürliche Bevölkerungsentwicklung auf, da die Zahl der Todesfälle die Zahl der Geburten deutlich übersteigt.
Die stärksten negativen Wachstumsraten registrierte Eurostat in Lettland (-7,4), Bulgarien (-7,3) und Litauen (-6,4) pro 1.000 Einwohner.
Gleichzeitig bleiben die Sterberaten in Osteuropa hoch. Bulgarien verzeichnete mit 15,6 Todesfällen je 1.000 Einwohner den höchsten Wert in der EU, gefolgt von Lettland (14,3) und Ungarn (13,4).
Lebenserwartung steigt, Unterschiede bleiben bestehen
Die Lebenserwartung hat sich seit dem EU-Beitritt vieler osteuropäischer Länder deutlich verbessert. Dennoch bestehen weiterhin erhebliche Unterschiede zu Westeuropa.
Im Jahr 2024 lag die durchschnittliche Lebenserwartung in der EU bei 81,5 Jahren. Die niedrigsten Werte wurden in Bulgarien (75,8 Jahre), Lettland (76,4 Jahre) und Rumänien (76,5 Jahre) gemessen.
Die baltischen Staaten verzeichneten jedoch die stärksten Fortschritte. In Estland stieg die Lebenserwartung innerhalb von 20 Jahren um sieben Jahre, in Lettland und Litauen jeweils um rund 5,5 Jahre.
Auffällig bleibt zudem der große Unterschied zwischen Männern und Frauen. Den größten Abstand innerhalb der EU weist Lettland auf: Frauen erreichen dort durchschnittlich 81,2 Jahre, Männer lediglich 71,4 Jahre – eine Differenz von 9,8 Jahren.
Migration gewinnt an Bedeutung
Migration spielt eine zunehmend wichtige Rolle für die Bevölkerungsentwicklung in Osteuropa. Während Deutschland und Spanien weiterhin die meisten Einwanderer aufnehmen, setzen auch mehrere osteuropäische Staaten verstärkt auf Zuwanderung, um Arbeitskräftemangel und Bevölkerungsverluste auszugleichen.
Im Jahr 2024 wanderten fast sechs Millionen Menschen in EU-Staaten ein. Rund 74% kamen aus Ländern außerhalb der Europäischen Union.
Tschechien verzeichnete einen der höchsten Anteile ausländischer Einwanderer innerhalb der EU. Dort hatten 98% der Zuwanderer keine tschechische Staatsangehörigkeit. Dahinter folgten Zypern (94%) sowie Österreich, Deutschland, Malta und Luxemburg mit jeweils 93%.
Anders verlief die Entwicklung in Rumänien, Lettland und der Slowakei. Dort bestand die Mehrheit der Zuwanderer aus zurückkehrenden Staatsbürgern. In Rumänien waren 64% der Einwanderer rumänische Staatsangehörige, in Lettland 61% und in der Slowakei 53%.
Diese Rückkehrmigration konnte den langfristigen Bevölkerungsrückgang bislang jedoch nicht ausgleichen.
Demografische Herausforderungen bleiben bestehen
Der Anteil junger Menschen sinkt mittlerweile in allen EU-Mitgliedstaaten. In den vergangenen 20 Jahren nahm der Anteil der unter 19-Jährigen in jedem EU-Land ab.
Viele Staaten Mittel- und Osteuropas stehen daher vor einer doppelten Herausforderung: schrumpfende junge Generationen und gleichzeitig stark wachsende ältere Bevölkerungsgruppen. Dies erhöht den Druck auf Rentensysteme, Gesundheitswesen und Arbeitsmärkte.
Auch gesellschaftliche Entwicklungen verändern sich. Lettland verzeichnete 2024 mit 5,5 Eheschließungen je 1.000 Einwohner die höchste Heiratsrate der EU, gefolgt von Rumänien mit 5,3. Gleichzeitig gehören die baltischen Staaten weiterhin zu den Ländern mit den höchsten Scheidungsraten Europas.
Bei der Familiengründung zeigen sich ebenfalls Unterschiede. Die jüngsten Erstgebärenden leben in Bulgarien (26,9 Jahre), Rumänien (27,2 Jahre) und der Slowakei (27,4 Jahre), während Frauen in Südeuropa deutlich später Kinder bekommen.
Trotz der wirtschaftlichen Annäherung an Westeuropa bleibt der demografische Ausblick für große Teile Osteuropas schwierig. Niedrige Geburtenraten, anhaltende Abwanderung und die Alterung der Gesellschaft dürften langfristig die Wachstumsperspektiven, die öffentlichen Finanzen und die Verfügbarkeit von Arbeitskräften belasten.
Regierungen in Mittel- und Osteuropa versuchen deshalb, mit Familienförderprogrammen, Steueranreizen und Rückkehrinitiativen gegenzusteuern. Länder wie Ungarn und Polen haben in den vergangenen Jahren umfangreiche Maßnahmen zur Steigerung der Geburtenrate eingeführt, bislang jedoch mit begrenztem Erfolg.
Gleichzeitig werben viele Staaten zunehmend Arbeitskräfte aus Drittstaaten an, insbesondere aus der Ukraine und verschiedenen asiatischen Ländern.
Die Eurostat-Daten zeigen damit deutlich, dass Migration auch in Osteuropa zunehmend zu einem wirtschaftlichen und politischen Schlüsselfaktor wird. Anfang 2025 besaßen fast 10% der Einwohner der Europäischen Union die Staatsangehörigkeit eines anderen Landes.

